Bild: University of Chicago Press
The Perils of Belonging ist die neueste Veröffentlichung des Amsterdamer Anthropologen Peter Geschiere. Ihr Ausgangspunkt ist die Beobachtung eines „,return of the local’ in a world that believes to be globalizing“ [1] seit den 1990er Jahren. Damit leistet die Studie einen Beitrag zur Forschungsdiskussion um Globalisierungsprozesse in unterschiedlichen Teilen der Welt. Die vermehrt auftauchende Rückbesinnung auf das Lokale und Diskurse von Zugehörigkeit (engl. belonging), Inklusion und Exklusion kommen hier als eine (Gegen-) Entwicklung zur Globalisierung in den Blick. Eine besonders prägnante Ausformung findet diese Entwicklung in der Idee der Autochthonie (gr. Erdgeborene). Obwohl dieser Begriff scheinbar die authentischste Form von Zugehörigkeit manifestiert, nämlich aus der Erde geboren zu sein, ergeben sich in der Praxis immer wieder Brüche, denen Geschiere nachgeht. Außerdem hält er es für bemerkenswert, dass Autochthonie-Diskurse in völlig unterschiedlichen Kontexten auftauchen und dort durch ihre „aura of self-evidence“ [2] eine enorme emotionale Mobilisierungskraft entwickeln.
Schon an den Überschriften der Kapitel wird deutlich, wo Geschieres Expertise liegt: Kamerun und die Niederlande. Er beschäftigt sich schon seit vielen Jahren mit Staatenbildungsprozessen und Modernediskursen im postkolonialen Afrika. In den 1990er Jahren lebte Geschiere längere Zeit bei den Maka in Kamerun, um dort Feldforschung durchzuführen. Er kann also für die neuste Monographie auf eigene Forschungen zurückgreifen.
In der Einleitung Autochthony – the Flip Side of Globalization zeichnet Geschiere erste Brüche des Autochthonie-Begriffs nach, wofür er dessen Etymologie bis ins klassische Griechenland verfolgt. Die größte Schwachstelle des Konzepts der Autochthonie sei das Beharren darauf immer schon da gewesen zu sein, was jegliche Geschichte und Entwicklungen einer Gruppe verleugne. Zudem beschreibt Geschiere die französische Kolonialzeit in Afrika als konstitutiv für das Verständnis von Autochthonie und dessen Wirkmächtigkeit in den postkolonialen Nationalstaaten. Als methodischen Zugang wählt Geschiere eine Mischung aus Jean-François Bayarts Adaption von Foucaults Subjektivierungskonzept und Birgit Meyers Vorstellung von „style“ und „aesthetics“ die, wenn sie konzentriert auftreten, „a shared sensorial perception of the world“ [33f] herstellen können.
In den Kapiteln zu Afrika, bei denen Kamerun im Vordergrund steht, arbeitet Geschiere heraus, dass der Autochthonie- Begriff immer relational ist. Wer sich als autochthon etablieren kann, vermag dadurch den Zugang zu gewissen Privilegien (Wahlrecht, Entwicklungshilfe) zu legitimieren. Diese Legitimation ist jedoch prekär und muss immer wieder hergestellt und bestätigt werden, was durch die Abgrenzung von den Anderen, „Nicht-Autochthonen“ geschieht. So kommt es immer wieder zu Konflikten, wenn zwei Gruppen Autochthonie im gleichen Gebiet für sich reklamieren. Als Beispiel dafür, wie eng der Autochthonie-Begriff mit der Vorstellung von Staatsbürgerschaft verbunden ist, führt Geschiere die Situation der pygmies im äquatorialen Afrika an. Obwohl diese allgemein als „wahre Autochthone“ [37] gelten, können sie daraus kein Kapital schlagen, weil sie nicht als Staatsbürger anerkannt werden.
Im Kapitel Autochthony in Europe: The Dutch Turn, bewegt Geschiere sich auf die europäische Vergleichsebene. Hierbei liegen die Niederlande im Fokus, andere europäische Staaten werden als kurze Highlights genannt. Die Diskussion um Zugehörigkeit entbrannte in den Niederlanden zu Beginn der 1990er Jahre darum, wie mit Immigrant/innen umgegangen werden sollte: Integration und kulturelle Pluralität oder Assimilation und Einordnung unter eine niederländische „Leitkultur“. Hier wird das Konzept der Autochthonie wiederum als Konstruktion entlarvt, welche zu Exklusions- und Inklusionszwecken instrumentalisiert wird.
In den beiden letzten Kapiteln wählt Geschiere einen stärker methodischen Zugang. So stehen im Kapitel Cameroon: Nation-Building and Autochthony as Processes of Subjectivation die Begräbnisrituale im Mittelpunkt, die als Werkzeug zur Herkunftsbestimmung zunehmend an Bedeutung gewinnen. In diesem Kontext wendet er erstmals das Konzept der Subjektivierung von Bayard an. Im Epilog vergleicht Geschiere die unterschiedlichen „rituals of authochtony“ [37] und deren Reichweite auf den beiden Kontinenten. Im Zuge dieses Kapitels diskutiert er außerdem die Tragweite des Konzepts von Birgit Meyer und versucht mithilfe ihres Ansatzes zu klären, warum der Appell an die Autochthonie in einigen Kontexten besser funktioniert als in anderen.
Dies wäre auch zugleich der erste Kritikpunkt an diesem insgesamt jedoch überzeugenden Buch. Obwohl Geschiere ein analytisches Konzept entwickelt, benutzt er dieses nur für zwei Kapitel, ohne zu versuchen, es auf die anderen Bereiche zu übertragen. Es wäre auch spannend gewesen zu erfahren, wie sich der Autochthonie-Diskurs auf Subjektivierungsprozesse in den anderen Zusammenhängen auswirkt. Zudem erschweren die vielen Wiederholungen den Lesefluss. So wird das Begräbnisritual in der Einleitung und im zweiten Kapitel thematisiert, bevor Geschiere ihm noch ein eigenes Kapitel widmet. Darüber hinaus wäre ein chronologischer Aufbau innerhalb der Abschnitte wünschenswert gewesen, um der Argumentation besser folgen zu können.
Trotz dieser Kritikpunkte bietet The Perils of Belonging einen gelungenen Einblick in das Wechselspiel zwischen Globalisierungsprozessen und dem vermehrten Aufkommen von Autochthonie-Diskursen in verschiedenen Teilen der Welt. Es wird zudem auf den Konstruktionscharakter von Identitäten und Zugehörigkeiten verwiesen. Als Einstieg in die Debatte um Effekte der Globalisierung ist die Studie für Masterstudierende sehr gut geeignet, weil grundsätzliche Fragen angesprochen und durch viele Beispiele gut illustriert werden. Im Laufe der Kapitel streut Geschiere immer wieder Anekdoten aus seinen eigenen Erfahrungen ein, die zum Teil unterhaltsam sind, zum Teil nachdenklich stimmen. Für Historiker mag dies zunächst eher ungewöhnlich erscheinen, ist im Kontext einer anthropologischen Studie aber durchaus legitim. Der Fokus auf Afrika ist zudem eine lohnende Ergänzung zu dem immer noch stark eurozentristischen Lehrplan der meisten Universitäten.
Verena Limper, Universität Bielefeld, Master Geschichte; Bachelor Studium an der Universität Bielefeld und der Uppsala Universitet (Schweden), Geschichte und Anglistik, 2009 abgeschlossen.
Zitierweise
Limper, Verena: Rezension zu: Peter Geschiere: The Perils of Belonging. Autochthony, Citizenship, and Exclusion in Africa and Europe, Chicago/London 2009, University of Chicago Press, 283 S., in: [reviewlution-net] (Heft 1) 2012, www.geschichte.tu-darmstadt.de/index.php.