15. Evenarí-Ringvorlesung „Die Welt jenseits von Luther. Fundamentalismen und Transformationen vor und nach 1517“


Der Kalender der historischen Gedenktage bietet mit dem Jahr 2017 die Gelegenheit, an die 500. Wiederkehr der Veröffentlichung von Martin Luthers Thesen zu erinnern. Sie steht traditionell für eine „Reformation“ genannte Epoche, die im Selbstbild Europas häufig als Zeitenwende charakterisiert wird: Auf lange Sicht habe sie unter anderem einen Individualisierungs-, Rationalisierungs- und Säkularisierungsschub gefördert (Max Weber).

Wenn man von einer affirmierenden Geschichtsschreibung absieht, kann man diese „Zeitenwende“ im europäischen Langzeitgedächtnis mit guten Gründen auch als eine Art ambivalenter Modernisierungskrise deuten. Sie stellt sich als eine lange, von Fundamentalismen und der Auseinandersetzung mit religiöser Devianz geprägte Phase dar, die unter anderem das Verhältnis zur bis dahin wichtigsten religiös andersartigen Gruppe, den Juden, tiefgreifend veränderte. Sie reicht, an Ereignissen festgemacht, wenigstens von der Verbrennung der tschechischen Reformatoren Jan Hus und Hieronymus von Prag (1416) auf dem Konstanzer Konzil bis zum Ausbruch des Dreißigjährigen Krieges 1618. Erst an dessen Ende stand ein europäischer Erschöpfungsfriede („Westfälischer Friede“ 1648), der wesentlich zur Grundlegung des modernen Völkerrechts, eines neuen Staatsverständnisses und eines veränderten Verhältnisses von Nation, Religion und Politik beitrug. Die lange Phase von 1416 über 1517 bis 1618 wurde von einer explosiven Verbindung von Religion, Politik und sozialer Dynamik geprägt. Als Transformationsphase verdient sie eine eingehende Analyse hinsichtlich ihrer gesellschaftlichen, religiösen und politischen Voraussetzungen. Der „Ketzer Luther“ (Volker Reinhardt) und das Epochenjahr 1517 stehen daher nicht nur für den erwähnten Modernisierungsimpuls, sondern auch für die Ambivalenz dieser Phase religiöser, sozialer und nationaler Ausdifferenzierung mit gravierenden Folgen für die gesamte Welt – auch jenseits von Luther.

So lässt sich die Reformation als Element einer tiefgehenden religiösen, politischen und gesellschaftlichen Krise verstehen, auf die nicht nur Luther, die Reformatoren und die protestantischen Obrigkeiten mit Disziplinierung, Ausgrenzung und Kriminalisierung von Andersgläubigen, Andersdenkenden und Abweichenden antworteten, sondern weite Teile der Gesellschaft. Meist wurden diese Phänomene von der Forschung unter dem Konzept der „Konfessionalisierung“ subsumiert. Die darunter verstandene Verbindung von religiöser Reform, Konfessionsbildung, Sozialdisziplinierung und staatlicher Modernisierung verstärkte langfristig einige bereits vor der Reformation vorhandenen Tendenzen. Insofern verschärfte und erzeugte die Reformation auch Konflikte und krisenhafte Erscheinungen, die sich in der Verfolgung von abweichendem Verhalten durch Obrigkeiten/Staat und Bevölkerung niederschlugen. Beispiele hierfür sind neben den Juden religiöse Minderheiten und gesellschaftliche Randgruppen, die als „Sekten“, „Hexen“, „Vaganten“, „Bettler“ und „Zigeuner“ etikettiert, ausgegrenzt und verfolgt wurden.Ein genauer Blick auf die zwar seltener erzählte, aber in den letzten Jahren zunehmend in den Blick geratene Welt jenseits der großen Persönlichkeiten der Reformationsgeschichte lohnt sich. Die Ringvorlesung greift daher vor allem dieses alternative Narrativ von der Reformation als einer komplexen und krisenhaften Transformationsphase der europäischen Gesellschaft auf. Dafür nimmt sie zum einen die lange und eben nicht zwangsläufig zur Reformation führende Entwicklung vor dem Ereignis von 1517 in den Blick: Konziliarismus, Humanismus und die Renaissance als Bewegungen, die durch den Rückgriff auf eine als vorbildhaft imaginierte Vergangenheit nicht nur den Grund für Reformen und Bildungsbewegungen, sondern auch für religiösen Fundamentalismus, Verfolgung von Randgruppen, heterodoxe Bewegungen und Obskurantismen legte. So verdient z.B. die interreligiöse Dimension eschatologischer Konzepte in ihren katalytischen Verbindungen mit sozialrevolutionären Impulsen von den Dolcinianern bis zu den Widertäufern besondere Beachtung. Ebenso gerät die Mystik als Amalgam diffuser sozialer, religiöser und politischer Anliegen und nicht zuletzt auch als Voraussetzung Luthers in den Blick. Die Ambivalenz des Umgangs mit z.B. dem jüdischen Erbe der christlichen Religion vom irenischen Bemühen eines Erasmus von Rotterdam bis zu den antijüdischen Hetzschriften von Martin Luther gehört ebenso dazu wie die instrumentelle Trennung von Politik und Religion. Im Mittelpunkt sollen aber eben nicht die großen und bekannten Persönlichkeiten stehen, sondern weniger oder sogar weitgehend unbekannten Gestalten, die aber dennoch zum Charakter der Transformationsphase gehören: Politische und religiöse Denker, deren Position als Stimme der Vernunft im Getöse der Machtkämpfe leise blieb. Akteure im lokalen Rahmen, die mit ihren Anliegen scheiterten, aber dennoch die Aufmerksamkeit lohnen. Oder die erst in den letzten Jahrzehnten in den Blick geratenen Frauen, die – sei es als Propagatoren der Reformation oder als Nonnen aus aufgelösten Klöstern – vor außergewöhnlichen Herausforderungen standen und einen fast unsichtbar gebliebenen Beitrag zur Transformation leisteten. Schließlich auch Bewegungen, die auf der einen Seite zu Eskapismus, Mystik und Esoterik führten, auf der anderen Seite aber eine Dynamik entfalteten, die in ihrer langfristigen Bedeutung erst im distanzierenden Rückblick deutlich wird.

Bitte beachten Sie, dass sie Evenari-Ringvorlesung erst in der zweiten Semesterwoche, d.h. am Montag, den 24.10.16 beginnt.

Die Vortragsreihe richtet sich an Studierende aller Fachrichtungen der TU Darmstadt sowie an die interessierte Öffentlichkeit.

 

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Israel-Exkursion 04.-17. September 2017


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