Call for Paper „Technologisches Nichtfunktionieren. Ärgernis, neues Expertentum oder das neue Normal? “
14.09.2026 von Felipe Beuttenmüller
Veranstalter: Martina Heßler/Denis Ljuljanovic
im Kontext des DFG-Schwerpunktprogramms „Digitalisierung der Arbeitswelten. Zur Erfassung und Erfassbarkeit einer systemischen Transformation“
Die Medienwissenschaftlerin Lisa Nakamura behauptete vor einigen Jahren, Nutzer:innen digitaler Medien seien zu Experten des Nichtfunktionierens geworden. Am Beispiel der Nutzung von PowerPoint-Präsentationen beschrieb sie die damit verbundenen Verzögerungen und Frustrationen. Nakamura sieht in diesem alltäglichen Nichtfunktionieren allerdings keinen Grund zum Jammern, sondern eine neuartige Expertise der Nutzer:innen. Dies mag eine überraschende Interpretation sein, sie soll jedoch als Ausgangspunkt dieser Tagung dienen.
Die Tagung möchte sich dem Nichtfunktionieren technologischer Artefakte und Systeme widmen. Es soll nicht im engeren Sinne um technische Probleme gehen, sondern um ein breites Verständnis des Nichtfunktionierens, indem ökonomische, gesellschaftliche, politische und organisatorische Bedingungen und Kontexte des Nichtfunktionierens ebenso betrachtet werden wie der Umgang damit. Während sich die „repair studies“ zuletzt dem Reparieren und den Praktiken der nachträglichen Bearbeitung gewidmet haben, will die Tagung systematisch dem alltäglichen, häufig auch akzeptierten und oft nicht behobenen Nichtfunktionieren nachgehen, wozu etwa Workarounds und Updates zählen. Nichtfunktionieren bedeutet nicht zwangsläufig, dass etwas kaputt ist, sondern dass es nicht wie vorgesehen funktioniert und sich der erwartete reibungslose Ablauf als Illusion erweist. In diesem Sinne sollen Probleme und Herausforderungen in der Technikentwicklung-, etablierung und -nutzung betrachtet werden.
Die Konferenz wird im Kontext des DFG-Schwerpunktprogramms Digitalisierung der Arbeitswelten. Zur Erfassung und Erfassbarkeit einer systemischen Transformation veranstaltet. Erwünscht sind daher insbesondere Vorträge, die digitales Nichtfunktionieren sowie digitale Transformationsprozesse aus der Perspektive des Nichtfunktionierens betrachten. Erwünscht sind allerdings auch Vorträge, die andere Zeiten und Technologien thematisieren, um die Zeit der Digitalisierung besser einzuordnen.
Im öffentlichen und politischen Diskurs sind Narrative verbreitet, die die schnelle Verbreitung digitaler Technik (und gegenwärtig von KI-Anwendungen), ihr enormes Veränderungspotenzial und die Gefahr, zurückzubleiben, betonen. Digitalisierung und nun auch die KI-Nutzung scheinen Prozesse zu sein, die zunehmend alle gesellschaftlichen Bereiche durchdringen und an die man sich anpassen muss, wie in technikdeterministischem Duktus suggeriert wird. Der Blick auf das Nichtfunktionieren verändert diese Narrative, indem deutlich wird, wie anstrengend, umwegig, verzögert, langwierig, komplex und schwierig Technisierungsprozesse verlaufen. Der Computerhistoriker Michael Mayhoney hatte betont, dass es nicht einfach sei „to put a portion of the world into the computer”, sondern „difficult, frustrating and in some cases disastrous”. In seinem beeindruckenden Buch „Wie die Welt in den Computer kam“ (2018) hatte der Technikhistoriker David Gugerli eindringlich gezeigt, welch langwieriger Prozess die Digitalisierung war und wie mühsam die Welt verändert werden musste, damit sie in den Computer passte. Bereits vor einigen Dekaden hatte der Technikhistoriker Thomas Hughes die Rolle der sogenannten „reverse salients“ betont, derjenigen Elemente, die die Entwicklung und Etablierung eines technologischen Systems hemmen und stören, ohne dies allerdings zentral zu stellen.
Die Tagung soll auf Probleme, Hindernisse, Schwierigkeiten, Unerwartetes sowie Verzögerungen fokussieren und damit das Nichtfunktionieren zentrieren, anstatt den Narrativen der gesellschaftlichen Verbreitung, Durchdringung oder des „Fortschritts“ zu folgen. Dabei kann an wegweisende Arbeiten zu Störungen, Unterbrechungen, Scheitern und insbesondere zum Workaround wie ihn die repair studies beschreiben haben, angeknüpft werden, der Fokus soll aber auf dem Nichtfunktionieren, mit dem Menschen alltäglich konfrontiert sind, liegen. Die Erfahrungen des Nichtfunktionierens ist allerdings keineswegs auf digitale Technik beschränkt. Es ist explizit das Ziel der Konferenz, den Blick über digitale Technologien hinaus zu lenken, um zu einer breit ausgerichteten Geschichte des Nichtfunktionierens beizutragen.
Folgende Perspektiven sind erwünscht. Wir freuen uns jedoch über weitere Vortragsvorschläge mit anderen Schwerpunkten:
• Vorträge, die technologisches Nichtfunktionieren und den Umgang damit thematisieren, sei es aus der Perspektive von Usern, Politik, Unternehmen, Technikentwicklern oder Nutzern.
• Vorträge, die reflektieren, wann etwas als nichtfunktionierend bezeichnet wird: Wer entscheidet, was als nichtfunktionierend gilt? Ist beispielsweise der erhöhte Ressourcenbedarf digitaler und vor allem von KI-Systemen ein Faktor für das Nichtfunktionieren? Woran wird das Nichtfunktionieren festgemacht?
• Vorträge, die das komplexe Geflecht der Gründe für das Nichtfunktionieren sowie die Zuschreibungen von Verantwortung untersuchen (organisatorische Gründe, die Nutzer, technische Probleme etc.).
• Vorträge, die die Paradoxien des Nichtfunktionierens herausarbeiten und die Versprechen von Effizienz, höherer Produktivität und Beschleunigung hinterfragen. Während oft die Beschleunigung oder ein Effizienzgewinn betont wird, sind sowohl Technikentwickler als auch User mit ständigen Nacharbeiten, Korrekturen, Neukonzeptionen, dem Warten vor dem Gerät (beispielsweise beim Buffering), Updaten und Reparieren beschäftigt. Sind Menschen in hochtechnisierten Gesellschaften zum modernen Sisyphos geworden?
• Vorträge, die Wandlungs- und Transformationsprozesse aus der Perspektive des Nichtfunktionierens betrachten und damit nicht das Funktionieren und die Prozesse der Verbreitung erforschen, sondern Wandlungsprozesse aus der Perspektive der permanenten Arbeit an Problemen analysieren.
• Vorträge, die die politischen Implikationen des Nichtfunktionierens technischer Systeme behandeln: Welche Erwartungen bestehen an den Staat und die Unternehmen? Welche politischen Konsequenzen hat es, wenn technologische Systeme nicht funktionieren?
Wir bitten um die Zusendung von Abstracts (1-2 Seiten) sowie einen kurzen Lebenslauf an:
Martina Heßler: hessler@pg.tu-darmstadt.de und Denis Ljuljanovic: ljuljanovic@pg.tu-darmstadt.de
bis zum Freitag, 30. Oktober 2026.
Reisekosten können, auf jeden Fall anteilig, übernommen werden.