Doktorand/innen


Ralf M. König †, Darmstadt
Gründer, Kriegs- und Inflationsgewinnler in Korruptionsdebatten der 1870er und 1920er Jahre
Der Krieg von 1870/71 und der Erste Weltkrieg sind dadurch gekennzeichnet, dass bestimmte Unternehmen unter teils fragwürdigen Umständen von ihnen profitierten. In der deutschen Öffentlichkeit war schon während der Kriegsverläufe, insbesondere jedoch in den Jahren danach das Bewusstsein für die aufgetretene Diskrepanz zwischen beträchtlichen individuellen Gewinnspannen in der Ökonomie und den Interessen des Gemeinwohls besonders ausgeprägt. Zusätzlich angeheizt durch die Gründerkrise im einen und die Inflation im anderen Fall, entbrannten mitunter national aufgeladene Debatten über dieses Phänomen, das sich mit dem Ausdruck „unmoralisches Geld“ umschreiben lässt. Weil das Staatswesen am Ende beider Kriege wesentliche Veränderungen durchlief, hatten diese Debatten Einfluss auf den damit eintretenden Wandel des geltenden Werte- und Normensystems – umso mehr, als mancher beschuldigte Wirtschaftsakteur gleichzeitig die Politik mitbestimmte. In meiner Arbeit möchte ich die genauen Zusammenhänge klar herausarbeiten und verfolge dabei einen interdisziplinären Ansatz, um das schwierige Verhältnis von Wirtschafts- zur Gesellschaftsethik methodisch erfassen zu können. Wiederholt wird dabei auch die Dritte Französische Republik in den Blick geraten, indem der Umgang mit den von ihr bzw. an sie zu entrichtenden Reparationen ebenfalls diesen Gegenstand berührt.

Matthias Lieb, Darmstadt
Bürgerschaftliches Engagement für den Umweltschutz in der Stadt
Das Projekt leistet einen Beitrag zur Erforschung der historischen Genese des kommunalen Leitbilds nachhaltiger Entwicklung. Dabei wird die Interaktion zwischen Bürgerprotest sowie zivilgesellschaftlichem Umweltengagement einerseits und den etablierten politischen und administrativen Akteuren auf der anderen Seite sowie deren gemeinsame Transformation im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen. Die zentralen Fragen lauten: Wie funktioniert(e) Protest und zivilgesellschaftliches Engagement in den Untersuchungsstädten Mainz und Wiesbaden, auf welchen Gebieten, warum und zu welchen Zeitpunkten war dieses Engagement besonders folgenreich.

Andrea Perthen, Darmstadt
Zwei Generationen deutscher Korruptionskritiker – um 1900 und nach 1970
In der historischen Korruptionsforschung sind neben den unmittelbar mikropolitisch aktiven Akteuren auch diejenigen in den Blick zu nehmen, die sich dem Aufdecken solcher Vorgänge verschrieben. Da es in historischer Perspektive noch kein systematisches Wissen über die Rolle solcher Korruptionskritiker in Deutschland gibt, möchte ich mich in einem diachronen Vergleich diesen widmen; zeitliche Schwerpunkte bilden dabei einerseits das Kaiserreich vor und um 1900 mit Publizisten wie Rudolph Hermann Meyer und dem Antisemiten Hermann Ahlwardt, andererseits die 1970er und 1980er Jahre, in denen investigative Journalisten wie Hans Leyendecker oder einzelne Staatsanwaltschaften aktiv wurden. Fragen nach den Motiven der Korruptionskritiker, ihren Einflüssen auf die öffentlichen Debatten und den Auswirkungen ihrer Enthüllungen werde ich dabei ebenso nachgehen wie möglichen Zusammenhängen mit der Entwicklung des investigativen Journalismus, dem Wandel des Selbstverständnisses der Medien und dem Einfluss von Normen und Werten einer Gesellschaft – wie etwa demjenigen der Transparenz, der seit einiger Zeit einen erheblichen Stellenwert in der öffentlichen Diskussion einnimmt.

Kathrin Reichert, Darmstadt
Chemiekatastrophen des 20. Jahrhunderts – Risikofaktoren für die Umwelt
„Ciba, Roche, Sandoz: 3 Firmen – 1 Markenzeichen“ lautet ein Bannerprotest von Greenpeace aus dem Jahr 1986. In den 1980er Jahren rückte die chemische Industrie zunehmend in das Zentrum der ökologischen Kritik. Verbunden mit der Erinnerung an das Unglück von Seveso im Jahr 1976 verstärkte der Brand in einer Lagerhalle von Sandoz in Schweizerhalle 1986 und die damit einhergehende Verschmutzung des Rheins das Medienecho über die Gefahren der Chemieindustrie. Chemieunternehmen wurden als zunehmender Risikofaktor für die Umwelt wahrgenommen. Noch bevor die Brandursache im Fall Sandoz geklärt war, wurde bereits von einige deutschen Chemieunternehmen mitgeteilt, dass ein solcher Unfall in der Bundesrepublik Deutschland ausgeschlossen sei. Doch aus welchem Grund war sich die deutsche Chemieindustrie dessen so sicher? Den zeitlichen Rahmen auf die 1960er bis 1990er Jahre gesetzt, soll zunächst die unternehmensethische Perspektive fokussiert werden. Kann man spezielle Managementpraktiken während bzw. nach einer technisch-chemischen Katastrophe erkennen, wie bewertete und bewältigte man Produktionsrisiken, wurden bereits Präventionsmaßnahmen getroffen? In Korrelation zu dieser Untersuchungsebene wird ebenfalls die medial-politische Perspektive betrachtet. Durch die räumliche „Nähe“ des Vorfalls in der Schweiz und die Auswirkungen auf den Rhein rückte die Gefahr großer Chemieunfälle mit katastrophalen Folgen zunehmend auch in das Bewusstsein einer breiten Öffentlichkeit in Deutschland. Gemeinsam mit dem Bild der „schützenswerten Natur“ stellt sich die Frage, ob die historisch-kulturelle Bewertung des Vorfalls und die mediale Berichterstattung Auslöser für einen Wandel im unternehmerischen Handeln sein konnten. 

Nadja Schmitt, Darmstadt: Doktorandin im GRK Kritische Infrastrukturen
Hochwasser an Flüssen und die Gefährdung städtischer Infrastruktur in Deutschland im 20. Jahrhundert Infrastruktursysteme sind Bedrohungen ausgesetzt, die durch menschliches/technisches Versagen, kriminelle/terroristische Absichten oder durch natürliche Vorkommnisse erzeugt werden können. Unter den natürlichen Ereignissen sind vor allem Hochwasser interessant, da sie zwar zyklisch auftreten, und somit ein vermeintlich kalkulierbares Ereignis darstellen, jedoch zugleich durch sozio-technische Eingriffe beeinflusst werden. Die so aufkommenden Hochwasser können sich zu critical events entwickeln und dadurch zur (drohenden) Funktionskrise im Infrastruktursystem führen.
Als Untersuchungsraum eignet sich insbesondere die Stadt, da hier zum einen Verdichtung sozio-technischer Systeme zum anderen jedoch auch geographischer Knotenpunkt im Infrastrukturnetz gegeben sind, zeigen sich (drohende) Funktionskrisen und ihre Bedingungen sichtbarer. Um eine synchrone Untersuchung zu ermöglichen, wird angestrebt je eine Fallstadt aus Ost- und Westdeutschland mit ähnlichen Hochwasserereignissen zu betrachten. Die Studie erstreckt sich über das 20. Jahrhundert, da in diesem Zeitraum nicht nur die Ausweitung der Infrastruktur(netze) und die zunehmende Verschränkung der Sphären Mensch – Umwelt – Technik zu bemerken sind, sondern auch verschiedene politische und wirtschaftliche Systeme, wie auch gesellschaftliche und politische Konflikte vorzufinden sind. Für beide Städte werden über diese Zeitspanne hinweg folgende Fragen gestellt:
Welche Vorstellungen von Kritikalität in Bezug auf die Infrastruktursysteme äußerten sich?
Welche kurz- und mittelfristigen Maßnahmen wurden getroffen um die zeitgenössisch festgestellte Vulnerabilität der städtischen Infrastruktur zu verringern oder ihre angestrebte Resilienz zu erhöhen?
Welche Erinnerungs- und Lernprozesse sind das Jahrhundert hindurch zu erkennen?

Benedikt Vianden, Darmstadt: Doktorand im GRK Kritische Infrastrukturen
Die Infrastruktur der schwäbischen Tempelgesellschaft in Israel/Palästina

Das Projekt behandelt die infrastrukturellen Anstrengungen der „Tempelgesellschaft“ aus dem damaligen Königreich Württemberg, welche ab 1868 nach Palästina übersiedelte und dort Kolonien gründete. Die Templer entstammten der pietistischen Bewegung und kamen im Zuge der Abspaltung von der Landeskirche zur Überzeugung, das „Heilige Land“ für die Rückkehr Christi wieder kultivieren und vorbereiten zu müssen. Im Zuge dieses Projektes legte die Religionsgemeinschaft dort Siedlungen an, verbesserte den Zugang zu den dortigen Pilgerstätten und mischte sich stark in Infrastrukturprojekte im damaligen Palästina ein. Das dabei aufgebaute infrastrukturelle Netzwerk legte einen wichtigen Grundstein für die weitere Entwicklung Palästinas und Israels und wirkt bis in die heutige Zeit nach. Die Arbeit betrachtet in diesem Kontext vor allem den wichtigsten und ersten Siedlungspunkt der Templer, Haifa, an der nordwestlichen Küste des heutigen Israel. Die Templer wirkten hier maßgeblich dazu bei, dass sich Haifa von einem unbedeutenden Städtchen zum wichtigsten Verkehrsknotenpunkt des Landes entwickelte. Es soll im Zuge der Arbeit untersucht werden, wie diese „religiöse“ Infrastruktur legitimiert wurde, unter welchen Bedingungen deren Konstruktion stattfand und ob wirtschaftliche Motive (Kutschendienste, Pensionen, etc.) die eigentlichen Gründe für den Ausbau sukzessiv verdrängten. Weiterhin soll unter dem Konzept der Kritikalität erforscht werden, welchen Stellenwert die Infrastruktur im Denken der Tempelgesellschaft und ihren Plänen für das „Heilige Land“ einnahm.

Kontakt


Prof. Dr. Jens Ivo Engels
Institut für Geschichte
Technische Universität Darmstadt
Landwehrstraße 50a
64293 Darmstadt

Raum S4-23/305
Telefon: 06151/16-57311
E-Mail

Sekretariat
Giuseppina Amenta

Raum S4-23/306
Telefon: 06151 - 16-57312
E-Mail

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