Forschungsprojekte

Kommunikation und Politik

Prof. Dr. Elke Hartmann: Ordnung in Unordnung. Kommunikation, Konsum und Konkurrenz in der stadtrömischen Gesellschaft der frühen Kaiserzeit

Die soziale Hierarchie innerhalb der römischen Gesellschaft wurde im 1. Jahrhundert n. Chr. unter den neuen politischen Rahmenbedingungen des Prinzipats massiv erschüttert: die etablierte soziale Ordnung geriet in Unordnung. Inwiefern veränderten sich die Möglichkeiten, soziales Ansehen zu erlangen und einen bestimmten Rang in der Gesellschaft einzunehmen? Vor allem die Dichtung Martials bietet ein eindrückliches Zeugnis dafür, auf welche Weise Ansehen ausgehandelt, erworben oder auch verwehrt werden konnte. Seine Epigramme handeln von Menschen, die ins Theater gehen, am Morgen ihrem Patron die Aufwartung machen oder ein öffentliches Bad benutzen. Elke Hartmann nimmt solche Schilderungen in literarischen Quellen zum Ausgangspunkt, um ritualisierte Höflichkeitsformen und Etikette, Formen der Kommunikation und des Konsums im Hinblick auf ihr Distinktionspotential zu untersuchen und zu zeigen, welche Auseinandersetzungen um Integration, Einfluss und Ansehen geführt wurden. Mit dem Focus auf soziale Praktiken und die Prozesse sozialer Hierarchisierung, wird die Dynamik nachvollziehbar, mit der sich die soziale Ordnung der stadtrömischen Gesellschaft veränderte. (siehe auch Titelinformation)

Dr. Sven Page: Der ideale Aristokrat. Plinius der Jüngere und das Sozialprofil der Senatoren in der Kaiserzeit

Plinius der Jüngere (61/62-113 n. Chr.) verlieh als senatorischer homo novus durch die Epistulae, den Panegyricus sowie einige Inschriften seiner aristokratischen Existenz dauerhaften Ausdruck. Diese literarischen und epigraphischen Zeugnisse ermöglichen aber nicht nur tiefgehende Einblicke in die sozialen, politischen und kulturellen Entwicklungen seiner Zeit. Sie belegen zugleich Plinius Bestreben, die eigene Person als in überragendem Maße wert- und normerfüllend zu präsentieren, um auf diese Weise sowohl soziopolitische Anerkennung als auch den eigenen Tod überdauernde memoria zu erlangen. Insbesondere in seinen Briefen thematisiert Plinius dabei zahlreiche Bestandteile eines idealen aristokratischen Lebensentwurfes. Ihre systematische Auswertung ermöglicht es, die konstituierenden Betätigungs- und Bewährungsfelder der römischen Aristokratie zu identifizieren sowie die Werte, Normen und Handlungsmaximen zu bestimmen, nach denen Plinius wie auch seine Standesgenossen ihr Leben ausrichteten – oder doch ausrichten sollten. Der zeitgenössische Diskurs über den idealen Aristokraten in der Kaiserzeit und dessen Habitus gewinnt in der vorliegenden Studie schärferes Profil. (Dissertation, Monographie im Verlag Antike)

Dr. Anabelle Thurn: Rufmord in der späten römischen Republik. Charakterbezogene Diffamierungsstrategien in Ciceros Reden und Briefen

Im Zentrum der Dissertation steht die Analyse von Diffamierungen in Ciceros Reden und Briefen. Sie untersucht, auf welche Weise Cicero den Leumund, das Ansehen und damit auch den Rang von Mitgliedern seiner politischen Klasse schmälerte und auf welchen kulturspezifischen Werthaltungen und sozialen Praktiken diese Diffamierungen basierten. Damit leistet die Studie einen Beitrag zum Verständnis der ‚sozialen Grammatik’ der Republik im Feld der politischen Kommunikation.

Die inhaltlich systematisierende Darstellung der Diffamierungen Ciceros zeigt, dass es stereotype Argumente sind, mit denen Cicero sich bemüht, die fama seiner politischen und persönlichen Gegner im Senat, vor Gericht, in der Volksversammlung oder in seiner Korrespondenz zu erschüttern. Die Argumente berühren stets für die Selbstdarstellung der Elite zentrale Lebensbereiche (Kommensalität und Konsum, soziales Umfeld, Sexualverhalten), die hier als kulturspezifische Diskursfelder erfasst und untersucht werden. Es wird nachvollzogen, wie die Diffamierungen generiert und – je nach dem sozialen Profil des zu schmähenden Gegners und nach Adressatenkreis – unterschiedlich komponiert werden.

Die Ergebnisse sind in verschiedener Hinsicht aufschlussreich: Die Analyse der Diskursfelder zeigt, wie wichtig es für die politische Elite Roms war, sich in jenen Lebensbereichen nach bestimmten Verhaltensstandards zu bewegen, ohne dass freilich Konformität der Garant für Unangreifbarkeit gewesen wäre. Kulturgeschichtlich relevant sind die Ergebnisse über die symbolische Bedeutung von Sexualverhalten, von Kleidung und Konsum. Die Analyse von Inhalt und Form der Diffamierung macht nachvollziehbar, wie bestimmte Vorwürfe „funktionierten“, indem einige sittliche Devianz implizierten, andere gar mit Vergehen oder Straftaten assoziiert wurden. Die Studie leistet auch einen Beitrag zu einem veränderten Verständnis der Briefe Ciceros, die weniger als authentische und alltagsnahe Selbstzeugnisse, denn als stilisierte Abhandlungen über Verhaltensstandards gelesen werden müssen. (Dissertation, Monographie im Verlag De Gruyter)

Robert Eydam: Die Apocolocyntosis divi Claudii als Beitrag zur Konsensbildung über den ‚guten‘ princeps

Im letzten Drittel des 1. Jhs. v. Chr. erlebte das römische Reich eine grundlegende Transformation. Aus der oligarchisch geführten Republik wurde eine Monarchie, die dem Reich neue Stabilität verlieh. Seit Generationen ist eine der zentralen Fragen der Altertumsforschung diejenige nach der Gestalt dieser neuen Ordnung und nach deren stabilisierenden Faktoren. Im Rahmen der so genannten Akzeptanztheorie wurde besonders auf die Bedeutung von Kommunikation und Konsensfindung hingewiesen, die nötig war, um die Position des princeps insbesondere gegenüber den Eliten des Reiches zu sichern. Zu diesem Zweck war immer wieder die Kommunikation zwischen den principes und den verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen des Reiches Gegenstand der Forschung. Das Promotionsprojekt soll daher an einem anderen Punkt dieser Kommunikationssituation ansetzen.

Es soll betrachtet werden, welche Anforderungen die unterschiedlichen Gruppen an das System und an die Person des Herrschers stellten. Unter Zuhilfenahme kulturwissenschaftlicher Methoden soll die Funktion der Erinnerungskultur innerhalb der beschriebenen Kommunikation über diese Anforderungen untersucht werden. Die Darstellung insbesondere bereits verstorbener Herrscher bot der Elite eine vergleichsweise gefahrlose Möglichkeit, die eigenen Vorstellungen von einem idealen Herrscher zu formulieren, indem man den Verstorbenen als positives oder negatives Beispiel hervorhob.

Gegenstand der Untersuchung soll das Bild des Claudius in den Quellen sein. Dieses zeichnet sich vor allem aufgrund der auf ihn gemünzten Satire Apocolocyntosis durch eine sehr gut greifbare Einseitigkeit aus. Speziell negative Zuschreibungen und Darstellungen lassen sich an diesem Kaiser demnach besonders deutlich erkennen und herausarbeiten. Beispielhaft soll am antiken Claudiusbild die Funktion negativer Darstellung in der römischen Erinnerungskultur gezeigt werden und ihre Bedeutung für die Konsensfindung über den guten Herrscher herausgearbeitet werden.