Forschung

Forschung

Am Fachgebiet erforschen wir die Neuere Geschichte seit dem 18. Jahrhundert bis in die Gegenwart. Im Zentrum steht dabei unter anderem die Geschichte des Anthropozäns als menschengemachtes Zeitalter. Darüber hinaus beschäftigen wir uns mit der Geschichte von Risiken und Vorsorge, mit dem Wandel urbaner Räume und der modernen Mediengesellschaft. Aktuelle Projekte widmen sich zudem den historischen Zusammenhängen von Gewalt und Protest.

  • Geschichte von Mensch-Natur-Beziehungen
  • Umwelt- und Stadtgeschichte
  • Gewalt- und Protestgeschichte
  • Vorsorge/Prävention/Resilienz
  • Städtische Sicherheitsarchitekturen
  • Geschichte von Großsiedlungen
  • Mediengeschichte
  • Nachkrieg und Besatzungszeit (1945-48)

Projektleiter: PD Dr. Sebastian Haumann / Prof. Dr. Dieter Schott

Projektbearbeiterin: Swenja Hoschek M.A.

Projektlaufzeit: 2017-2021

Blog: Großsiedlungen

Der Wandel der Großsiedlungen von Laboratorien der Moderne zu sozialen Brennpunkten koinzidierte mit dem sozioökonomischen Strukturbruch und dem Wertewandel, die als charakteristische Merkmale der 1970er Jahre gelten. In dem Wandel, den die Großsiedlungen durchliefen, wirkte eine gesellschaftliche Umwertung von Wohnpräferenzen mit tiefgreifenden sozialstrukturellen Veränderungen zusammen.

Die Ablehnung der Großsiedlungen, die aus einer zunehmenden Modernekritik resultierte, überlagerte sich mit neuen Phänomenen der Armut, Migration und neuen Familienstrukturen, die sich in Verschiebungen auf dem Wohnungsmarkt bemerkbar machten. Zudem waren die Großsiedlungen von den ökonomischen Umbrüchen der 1970er Jahre besonders betroffen: die Kritik an den Siedlungen konnte auf unvollständige Infrastruktur und mangelnde Instandhaltung verweisen.

Nichtsdestotrotz bildeten sich in den Großsiedlungen funktionsfähige lokale Gemeinschaften; auf diesen Sachverhalt hat die jüngere Forschung wiederholt hingewiesen. Allen widrigen Umständen zum Trotz, bauten Bewohnerinnen und Bewohner zivilgesellschaftliche Strukturen und ein Gemeinwesen auf, das bauliche, sozialstrukturelle und ökonomische Schwierigkeiten teilweise auffangen konnte und sich der gesellschaftlichen Abwertung entgegenstemmte.

Die Untersuchung des Wandels, dem Großsiedlungen unterworfen waren, verspricht für die Erforschung und Interpretation der 1970er Jahre wichtige neue Erkenntnisse. Insbesondere das Spannungsverhältnis zwischen der negativen Außenwahrnehmung der Siedlungen einerseits und dem Entstehen von funktionsfähigen Formen der Vergemeinschaftung in den Siedlungen andererseits wirft Fragen auf. Die negative Bewertung, die durch die sozialstrukturelle Entwicklung verstärkt wurde, war Ausgangspunkt und Basis für neue Formen der Vergemeinschaftung, die sich in Reaktion auf diese Abwertung und die Massierung sozioökonomischer Problemlagen herausbildeten. Damit gibt die Untersuchung von Großsiedlungen Einblick in die Genese einer spezifischen Ausprägung posttraditionaler Vergemeinschaftung in den 1970er Jahren. Soziale Beziehungen, Gemeinschaft und zivilgesellschaftliche Strukturen entstanden im Umgang mit defizitärer Infrastruktur, überproportionaler Armutsgefährdung, einem wachsenden Anteil von Migranten sowie sogenannten Patchworkfamilien und schließlich in reflexiver Auseinandersetzung mit der negativen Außenwahrnehmung.

Es ist zu fragen, inwieweit sich unter diesen besonderen Bedingungen Formen der Vergemeinschaftung herausbildeten, die für die Zeit nach dem Boom, ähnlich denen des schon besser untersuchten links-alternativen Milieus, als typisch gelten müssen. Gerade die Bewohnerinnen und Bewohner der Großsiedlungen waren den Folgen von Wertewandel und sozioökonomischen Strukturbruch besonders intensiv ausgesetzt, so dass zu erwarten ist, dass bei der Bewältigung dieser Herausforderungen eine neue und für die Zeit seit den 1970er Jahren typische Form der lokalen Soziabilität entstand.

Straßen und Wege gelten gemeinhin als „Werkzeuge“, die dem Menschen dienen, als „Adern der modernen Verkehrswelt“ (Hans Hitzer). Auf ihnen bewegt man sich und transportiert. Doch sie stehen noch für weitaus mehr. Viele Menschen arbeiten, einige leben, andere flanieren oder marschieren auf ihnen. Vor allem in früheren Jahrhunderten übertrugen sich über sie Krankheiten. Menschen predigten und feierten Feste auf ihnen, überbrachten Nachrichten und begegneten sich, ob sie nun Fremde oder Bekannte, arm oder reich, groß oder klein, stark oder schwach waren, ein Dach über dem Kopf hatten oder keines. Auf der Straße vermischen sich Bevölkerungsgruppen wie an nur wenig anderen Orten. Und es gibt eine weitere Eigenschaft, die Straßen im Grunde schon seit jeher haben: Sie waren und sind Schauplatz von Gewalt.

Blicken wir auf das gesamte 19. und 20. Jahrhundert, so begegnen uns ganz unterschiedliche Protagonisten, die aus diversen Gründen verschiedene Formen von Gewalt ausübten. Als erstes sind sicherlich politische Revolutionäre und deren Gegner zu nennen, die, wie etwa 1918 in München, die Straße in ein Kriegsgebiet verwandelten. Hier kämpfte man nicht nur auf der Straße, sondern auch um sie. Man versuchte, sie zu erobern, zu besetzen und zu verteidigen. Es ging darum, den Umsturz sichtbar zu machen und den eigenen Einflussbereich zu sichern. Für gewaltbereite Hooligans gilt die Straße als Ring, in den sie gemeinsam steigen, um sich zu prügeln, die eigenen Kräfte zu messen und das eigene Revier zu verteidigen. Fälle von Lynchjustiz handeln davon, dass Menschen das Gesetz in die eigene Hand nehmen und andere in der Öffentlichkeit gewaltsam zur Rechenschaft ziehen. Die Straße wird dabei zum Gerichtssaal und zur Strafanstalt in einem. Auch Ehrduelle fanden zumeist auf der Straße statt, genauso wie Gewaltverbrechen und Terroranschläge.

Am Beispiel internationaler Großstädte nimmt das Forschungsprojekt die Straße systematisch als Gewaltraum in den Blick und betrachtet unterschiedliche Gewaltformen und -protagonisten im Zusammenhang. Begreift man die Straße als einen Ort der Gewalt, so lassen sich auf den ersten Blick ganz unterschiedliche Gewaltakte, Opfer und Täter untersuchen. Es braucht gar keine entlegenen, rechtsfreien Gebiete, so die Ausgangshypothese, damit sich ein bestimmter Ort in einen Gewaltraum verwandelt. Auf der Straße zeigt sich, dass Gewalt buchstäblich unter dem eigenen Fenster eskalieren und sich normalisieren, Ordnung und Unordnung stiften kann. Die Straße ermöglichte bestimmte Formen der Gewalt, sie ließ spezifische Situationen entstehen, die Gewalt förderten und schränkte durch ihre Beschaffenheit zugleich das gewalttätige Handeln ein. Häufig stand schon der Bau einer Straße im Zeichen der Gewaltprävention.

Daher entwickelt das Projekt eine Phänomenologie und Typologie von Gewalt auf der Straße, die nicht unbedingt nach den Ursachen, sondern vielmehr nach dem Raum, der Situation und Form der Gewalt fragen. Vor allem interessiert dabei das Verhältnis von Anlasslosigkeit und -bezogenheit, von sinnlicher Erfahrung und Beobachtung, Öffentlichkeit und Privatheit, von Normalität und Ausnahme.

Internationale Konferenzgewalt im Nachkrieg

27|06 – 28|06|2019

Mit der Kapitulation des Deutschen Reiches endete im Mai 1945 der Zweite Weltkrieg in Europa. Die Gewalt war jedoch keineswegs vorbei. Vielmehr begann mit der Nachkriegszeit ein neues Gewaltkapitel, in den vier Besatzungszonen, den ehemals deutsch besetzten Ostgebieten und bald auch in Asien.

Internierungen und Vertreibungen, Kriminalität und Lynchjustiz, Vergewaltigungen und Verschleppungen prägten die Zeit zwischen 1945 und etwa 1949. Offenbar übertrug sich die entgrenzte Gewalt des Krieges auf die Nachkriegszeit. Gräueltaten der totalitären Regime wirkten fort, waren Anlass zur Rache und Vorbild für neue Gewaltwellen. Zugleich brachte die Nachkriegszeit ganz eigene Gewaltformen hervor, die den existenziellen Nöten, Überlebensstrategien, diffusen Machtstrukturen und der Tatsache geschuldet waren, dass der Krieg große Bevölkerungsgruppen weit über Ländergrenzen hinaus zwangsweise verschoben hatte.

Trotzdem wird diese Zeit insbesondere in öffentlichen Debatten noch immer von der großen Erzählung des europäischen Wiederaufschwungs überlagert. Die Tagung hingegen nimmt die Nachkriegsjahre vornehmlich als Gewaltzeit in den Blick. Sie greift neuere Trends der Gewaltforschung auf, setzt sich sowohl mit den besonderen historischen Konstellationen, Motiven und ideologischen Prägungen der Akteure als auch mit Praktiken, Räumen und Situationen der Gewalt auseinander.

Unter anderem mit Richard Bessel (York), Michael Brenner (München/ Washington D.C.), Jörg Echternkamp (Potsdam/Halle), Philipp Gassert (Mannheim), Martin H. Geyer (München/Oxford), Svenja Goltermann (Zürich), Atina Grossmann (New York), Nicolai Hannig (München), Regina Mühlhäuser (Hamburg), Andrea Pető (Budapest), Paul-Moritz Rabel (München), Mark Roseman (Bloomington), Kim Wünschmann (München).

Medienecho:
Deutschlandfunk, 4.7.2019
BR24, 28.6.2019 (funktioniert nicht)
Süddeutsche Zeitung, 2.7.2019
Bayern 2, 2.8.2019 (funktioniert nicht)
Augsburger Allgemeine, 27.6.2019

Downloads
Flyer Gewalt im Nachkrieg (657 KByte)

Nach über zehn Jahren mit dem ersten, erfolgreichen Projekt mit GIS & Geschichte 2005/2006 am Institut für Geschichte, haben sich GIS-Software und Internet immens weiterentwickelt, so dass seit zwei Jahren der Weg zu einem plattformübergreifenden und methodischen Eintieg in die Welt der Geoinformationssysteme einfacher geworden ist.

Die Verknüpfung von Desktop und Internet und die weitere Entwickungen zur cloudbasierten Speicherung und webbasierten Darstellung von Inhalten brachten für den Bereich der Geoinformationen Synergieeffekte bei der Entwicklung, Verbreitung und Zugänglichkeit von der auch die Geschichtsforschung profitieren konnte.

Mit der Einführung von ArcGIS 10.x und ArcGIS-Online mit seinen plattformübergreifenden Möglichkeiten sind die technisch-methodische Eintrittsschwelle zu GIS deutlich gesunken. Vor allem mit StoryMaps oder WebMaps ist es möglich innerhalb vor kurzer Zeit aussagekräftige Karten zu erstellen, die über eine „reine“ geographische Karte hinausgehen.

Zu den aktuellen Lehr- und Forschungsergebnissen fand am 13. und 14. September 2018 ein Workshop statt. Unter dem Titel „GIS and the City“ waren Historiker und Historikerinnen die praktisch mit GIS in der Forschung und Lehre arbeiten, eingeladen ihre Ergebnisse vorzustellen.

MEHR ERFAHREN

Max Berchtenbreiter, M.A.

E-Mail:

Wahlkampf und Imagepolitik. Eine Medienbiographie Edmund Stoibers 1978-2002

Zahlreiche Veränderungsprozesse beeinflussen das Verhältnis von politischen und medialen Akteuren. Besonders der Aufstieg des Internets seit der Jahrtausendwende prägt den inhärenten Wandel der Medienwelt und führt in Konsequenz zu einem Verlust an Relevanz und Einfluss der früher dominierenden Print- und Rundfunkmedien. Zuvor war es bereits zu einer Diversifizierung des Angebots im Fernsehen durch die Einführung des Privatfernsehens in den 1980er Jahren gekommen. Politische Akteure wie der frühere bayerische Ministerpräsident Edmund Stoiber mussten sich an die stets wandelnden Rahmenbedingungen anpassen, um im Zusammen- und Wechselspiel mit den Medien ein möglichst positives öffentliches Bild von sich zu schaffen.

Das Dissertationsprojekt untersucht am Beispiel der politischen Karriere Stoibers von 1979 bis 2002, wie ein konservativer Politiker diese Herausforderung „Imagepolitik“ anging. Dafür werden vier größere inhaltliche Säulen definiert: Wahlkämpfe, der Wandel des Mediensystems, Politikberatung bzw. Wahlkampfmanagement und der Kampf um die Deutungshoheit über politische Begriffe. Theoretisch-methodisch orientiert sich das Dissertationsprojekt an aktuellen Forschungsansätzen der Mediengeschichte wie dem Konzept der Medienbiographie, das als zentrales Analyseinstrument dient.

Finanzierung

Hanns-Seidel-Stiftung

Glock, Katja

Arbeitstitel: Die Darmstädter Wiederaufbau GmbH und ihr Beziehungsnetz. Motor wirtschaftlicher, sozialer, kultureller und politischer Entwicklungen in Darmstadt, 1949 – 1972
Kurzbeschreibung des Dissertationsprojekts:
Die geplante Dissertation stellt mit der Darmstädter Wiederaufbau GmbH eine „public private partnership“ in den Mittelpunkt der Untersuchung. Die Aufgabe der GmbH war es, durch die Ansiedlung von Industriebetrieben die wirtschaftliche Basis der im 2. Weltkrieg stark zerstörten Stadt zu verbreitern. Dazu kamen soziale und kulturelle Projekte. Diese zielten, zusammen mit den Maßnahmen zur Wirtschaftsförderung, auf langfristige Strukturverbesserungen im städtischen Raum.
Das Erkenntnisinteresse der Studie ist es, anhand der Arbeit der Darmstädter Wiederaufbau GmbH aufzuzeigen, ob und wie sich die Organisationsstruktur städtischer Aufgaben von der Nachkriegs- über die Wirtschaftswunderzeit bis hin zur Ölkrise der 1970er Jahre wandelte. Damit soll nicht nur ein Beitrag zur Geschichte Darmstadts geleistet werden. Vielmehr fragt dieses Promotionsprojekt danach, inwiefern im Rahmen der allgemeinen gesellschafts- und wirtschaftspolitischen Entwicklungen im urbanen Kontext in der Wiederaufbau GmbH spezifische Darmstädter Situationen zum Tragen kamen.
Für die Analyse wird die Gesellschaft als Teil eines Netzwerks aufgefasst, dessen Knotenpunkte im wesentlichen durch Entscheidungsträger aus Politik und Wirtschaft repräsentiert werden. Einer der zentralen Person der Wiederaufbau GmbH und deren Aktionspartnern war der Architekt und Gesellschafter Kurt Jahn. Von ihm und von den Projekten der Gesellschaft ausgehend, lässt sich ein intensives Beziehungsgeflecht zwischen den Akteuren aufzeigen, lassen sich kommunale Steuerungs- und Entscheidungsprozesse verstehen. Dieser feldtheoretische Ansatz und literaturbasierte Vergleiche werden zeigen, in wie weit die gefundenen Ergebnisse Darmstädter Besonderheiten und in wie weit sie eher Resultat übergeordneter wirtschaftlicher, politischer und ideeller Prozesse sind.

Greim, Andreas

Arbeitstitel: Stadt, Region und städtische Gesellschaft im Übergang. Das Zusammenspiel von Alltag, Öffentlichkeit und Politik am Beispiel von Darmstadt, Offenbach a. M. und der früheren hessischen Provinz Starkenburg (1914-1924).
Kurzbeschreibung des Dissertationsprojekts:
Die zwei Jahrzehnte vom Beginn des Ersten Weltkrieges bis zum Ende der Weimarer Republik und innerhalb dieser Zeitspanne die Jahre zwischen Krieg, Revolution und Hyperinflation sind eng verknüpft sind mit der Interpretation der europäischen Zwischenkriegszeit als »Krisenjahre« der klassischen Moderne (Detlev Peukert). Die nachstehend kurz beschriebene Forschungsarbeit löst sich dagegen vom narrativen Konzept der »Krise« zugunsten eines anderen Zugangs zur Geschichte der Zwischenkriegszeit, der die Interdependenz von politischer Kommunikation und gesellschaftlicher Selbstreflexion in den Mittelpunkt rückt.
Im Gegensatz zu älteren Gesellschaftstheorien, die den negativen Einfluss von Massenmedien auf das Alltagsbewusstsein und die politischen Bewusstseinsbildung hervorheben, beruht die vorgenannte Studie auf der Annahme, dass die in modernen Gesellschaften durch die Leitmedien der politischen Kommunikation hergestellte Öffentlichkeit einen sozialen Raum schafft, in dem alle am Kommunikationsprozess beteiligten Akteure nicht nur um politische Definitionsmacht und kulturelle Deutungshoheit, sondern auch um die Unterstützung der Bevölkerung für bestimmte Modelle der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Ordnung konkurrieren müssen.
Die Studie befasst sich mit dem Zusammenspiel von Alltag, Öffentlichkeit und Politik, die am Beispiel der moralischen Ökonomie städtischer Gesellschaften oder genauer gesagt: am Beispiel von Diskursen und Praktiken der Moralisierung von Markt und Konsum in städtischen Gesellschaften dargestellt wird. Als eine mikrohistorische Forschungsarbeit stützt sich die Studie auf die Fallbeispiele von Darmstadt, der früheren Landeshauptstadt des Volksstaates Hessen, und Offenbach, vormals einer der wichtigsten Industriestandorte in der südlichen Umgebung von Frankfurt (nahezu übereinstimmend mit dem Gebiet der einstigen Provinz Starkenburg, damals wie heute eine der ökonomisch stärksten Subregionen des Rhein-Main-Gebietes).

Hoschek, Swenja
Arbeitstitel: Zwischen Stigma und Alltag. Aneignung und Umfeldgestaltung von Großsiedlungen durch ihre BewohnerInnen
Kurzbeschreibung des Dissertationsprojekts:
Die Arbeit untersucht die Entstehung von sozialen Gemeinschaften und politischen Initiativen in den neu errichteten und großangelegten Wohnungsbauprojekten der späten 1960er Jahre am Stadtrand anhand zweier Beispiele. Der Untersuchungszeitraum umfasst die 1970er und 1980er Jahre. In dieser Zeit entstand in den neuen Siedlungen erstmal ein soziales Gefüge. Doch gerieten die Großsiedlungen bereits in den 1960er Jahren in die Kritik: Zum einen liefen Planung und Realität auseinander und besonders Wohnfolgeeinrichtungen fehlten. Zum andern wurden die Berichterstattung über Großsiedlungen von Meldungen über Kriminalität und Armut dominiert, die die öffentliche Debatte prägten.
Trotz oder gerade aufgrund der negativen Außenwahrnehmung entstanden in den Großsiedlungen soziale Infrastrukturen. Betroffene setzten sich auf mehreren Ebenen für das Leben in ihrem Stadtteil ein und versuchten, mit den Stigmas ihres Wohnortes umzugehen und das Image durch reale Veränderungen im baulichen und sozialen Stadtbild zu verbessern. Dabei war die Wahrnehmung der BewohnerInnen von ihrem Wohnumfeld deutlich positiver als die öffentliche Meinung. Die Arbeit soll diese Differenz in Hinblick auf Möglichkeiten der sozialen Interaktion in den neuen Stadtteilen betrachten.

Vetter-Schultheiß, Silke
www.tdt.tu-darmstadt.de

Arbeitstitel: Bilder machen Geschichte. Bildpolitiken im Natur- und Umweltschutz von 1950 bis 1990
Kurzbeschreibung des Dissertationsprojekts:
Ausgerechnet eine rote lachende Sonne auf gelbem Grund ist bis heute die Ikone der Anti-Atomkraft-Bewegung. Das im Jahre 1975 entworfene politische Motiv sollte ein Gegenbild zur atomaren Bedrohung setzen. Dieses Symbol verweist auf den Kernpunkt meines Dissertationsprojektes: die Bildpolitiken der Natur- und Umweltschutzbewegungen und ihr Wirkungspotential. In den Blick kommen deren visuelle und rhetorischen Mittel.
Bis heute fehlen größere Arbeiten zu der Rolle von Bildern im Natur- und Umweltschutz. Die geplante Studie schließt an Theorien der visuellen Geschichtsschreibung an, etwa an die Visual (Cultural) History. Ziel ist es, die Entstehung und Ausprägung von Bildpolitiken am Beispiel der Natur- und Umweltschutzbewegungen sowie ihre Rezeption zu untersuchen und damit einen Beitrag zur bildtheoretisch informierten Umweltgeschichte zu liefern. Gefragt wird nach der Stellung von Bildern als Medien der Politik. Darüber hinaus leistet die Arbeit einen methodisch innovativen Beitrag, indem sie Bildtheorie unter den Bedingungen des Historischen neu formuliert.

Zimmer, Martin
www.architekturmz.de
Arbeitstitel: Paradigmenwechsel von der verkehrsgerechten Stadt zur inszenierten Stadt am Beispiel Frankfurt am Main
Kurzbeschreibung des Dissertationsprojekts:
Die Arbeit nimmt die Planungen zur Umsetzung einer verkehrsgerechten Stadt für Frankfurt am Main als Ausgangspunkt, nach dem Selbstverständnis oder einem sich prozessual definierenden Selbstverständnis verschiedener Akteure in der Stadt in den 1950/60er Jahre zu fragen. Dieses Selbstverständnis verändert sich im Laufe der 1960/70er Jahre, was zu einem neuen und anderen Entwurf von von dem führt, was Frankfurt sein soll. Dabei werden Aspekte der Binnenstruktur wie das Funktionieren des Systems Stadt, des Verkehrs und der Infrastruktur ebenso betrachtet wie im Außenbezug der Wettbewerb der Städte untereinander. Der Umgang mit dem Mainufer steht für Frankfurt sinnbildlich für diesen Wandel, an dem im Speziellen dieser Paradigmenwechsel aufgezeigt werden kann. In den 1950er Jahren noch Verfügungsfläche für eine Stadtautobahn wird mit dem Bau des Museumsufers Kultur als identifikationsstiftende Maßnahme fu?r Frankfurt weithin sichtbar und vermarktbar gebündelt und gleichzeitig den Frankfurtern ein Stück Grünzug und Flaniermeile entlang des Maines gegeben. Inwieweit dies etwas besonders Frankfurterisches soll im Vergleich mit Stuttgart und Darmstadt untersucht werden. Dabei werden die Akteure und ihre verschiedenen Sichtweisen und Deutungshoheiten betrachtet, sowohl was die Handelnden wie Stadtplanung, Parlament, Parteien, Amtsträger angeht, als auch diejenigen, die Handlungen und das Machtgefüge innerhalb der Stadt von Aussen beeinflussen wie Vereine, Stadtplaner, Architekten, Kulturinstitute oder die „APO“.

Bellmann, Dagmar
Eine Kultur und Technikgeschichte der Passagierschifffahrt.
Disputation 5/2014; die Arbeit erschien unter dem Titel:
Von Höllengefährten zu schwimmenden Palästen. Die Passagierschifffahrt auf dem Atlantik (1840-1930), Frankfurt am Main 2015.
Kurzbeschreibung des Dissertationsprojekts:
Im Tourismus wird für den Urlauber eine Welt außerhalb der gesellschaftlichen Lebenswirklichkeit errichtet. Diese Parallelwelt bezeichne ich als „technischer touristischer Mikrokosmos“. Es gibt viele derartige Mikrokosmen, so z.B. Cluburlaube oder auch Seereisen. Sie weisen strukturelle Ähnlichkeiten auf: das Prinzip der Freiwilligkeit, die Erzeugung eines Gemeinschaftsgefühl, die Abschottung von der Außenwelt, Sicherheit und Verlässlichkeit in einer als feindlich oder zumindest als fremd empfundenen Umgebung, die mit Hilfe der Technik bezwungen werden soll. Sie wirken stark illusionistisch, denn sie erzeugen zuverlässig und vorhersagbar bestimmte Emotionen und stellen Erlebnisse nach, ohne deren Unannehmlichkeiten mit abzubilden.
In meiner Arbeit untersuche ich technische touristische Mikrokosmen am Beispiel der Entwicklung der Passagierschifffahrt. Denn hier ist besonders gut zu beobachten, dass sowohl der Naturraum des Meeres als auch die gesellschaftliche Lebenswirklichkeit der Reisenden im Laufe der Zeit immer stärker in den Hintergrund trat. Alles wurde darauf ausgerichtet, vergessen zu machen, sich auf einem Schiff zu befinden. Stattdessen wurde ein eigener Mikrokosmos erzeugt, der sich durch doppelte Grenzen auszeichnet (Naturraum Meer und geschlossene Gesellschaft an Bord) und eigene Handlungspraktiken hervorbringt. Der zeitliche Schwerpunkt der Arbeit wird zwischen 1880 und 1960 und der geographische Schwerpunkt auf der Transatlantik- und Südamerika-Schifffahrt liegen.

Böhm, Pierre
Segregation in Colonial Urban Development of 20th Century African Cities – A Cross-Country Comparison between British, French and German Imperial Policies
Die Arbeit ist erschienen unter dem Titel:
Residential Segregation as Part of Imperial Policies. A Transnational Analysis for the Case of Windhoek, Zürich 2018.
Kurzbeschreibung des Dissertationsprojekts:
Im Verlauf von nur einer Generation hat die Stadtplanung sich aus einer frühreifen Amateurposition zu einem abgeschlossenen, wenngleich interdisziplinär ausgerichteten Berufsbild weiterentwickelt, das in hohem Maße von der intrinsischen Motivation geleitet war, die Lebensverhältnisse in den Städten grundlegend zu verbessern. Aus diesem Grund bilden die Stadt und die Entwicklung des Berufs des Stadtplaners zwischen 1914 und 1945 den Kontext für eine Untersuchung der Wechselbeziehungen zwischen der europäischen Metropole und den kolonialen Territorien. Das Forschungsprojekt stützt sich dabei auf Theorien zur Diffusion von Planungswissen in Abhängigkeit zu den vorherrschenden Machtverhältnissen, wie sie der Planungshistoriker Stephen Ward formuliert hat. Darüber hinaus werden zeitgenössische Beiträge zur Wohnungs- und Mobilitätsfrage aufgegriffen und auf ihre Bedeutung für die (soziale) Segregation z.B. mit Blick auf Bodenrenten-Theorien untersucht.
Anhand von Archivmaterial und ergänzender Sekundärliteratur werden die verschiedenen Ansätze zur Kolonialverwaltung hinsichtlich ihrer Rolle für die räumliche und soziale Segregation im Alltagsleben afrikanischer Städte des frühen 20. Jahrhunderts nachgezeichnet, wobei der Schwerpunkt auf residentieller Segregation liegt. Neben den angewandten Planungsinstrumenten und dahinterstehenden Leitbildern werden sowohl (harte) bauliche Eingriffe in das Umfeld der indigenen Bevölkerung als auch (softe) soziale Steuerungsinstrumente untersucht. In Anlehnung an jüngere Forschungsansätze richtet sich der Blick dabei weniger auf die unterschiedlichen Nuancen der jeweiligen nationalen Planungstradition als vielmehr auf die Gemeinsamkeiten und den gegenseitigen, zeitgenössischen Gedankenaustausch.
Im Rahmen der Arbeit werden beispielhaft die Städte Windhoek (Namibia) und Algier (Algerien) betrachtet.

Feldmann, Ekke
Bauordnungen und Baupolizei zwischen 1850 und 1950
Projekt abgeschlossen 2010; die Arbeit ist erschienen unter dem Titel: Bauordnungen und Baupolizei. Zur Entwicklungsgeschichte zwischen 1850 und 1950, Frankfurt am Main 2011.
Kurzbeschreibung des Dissertationsprojekts:
Mit der Arbeit soll die Entwicklungsgeschichte einer staatlichen Institution, die zunächst als Polizei, später als Baupolizei (Baupolizeibehörde) und heute als Bauaufsicht (Bauaufsichtsbehörde) bezeichnet wird, beschrieben werden. Als Untersuchungszeitraum wird der Zeitabschnitt von der Mitte des 19. Jh. (beginnende Industrialisierung Deutschlands) bis zur Mitte des 20. Jh. (Gründung der Bundesrepublik Deutschland) gewählt. Für die Untersuchung sind die Länder Bayern, Preußen, Sachsen, Württemberg und das Großherzogtum Hessen-Darmstadt ausgewählt worden, damit sind knapp 88% der Bevölkerung des Deutschen Reiches um 1870 berücksichtigt. Die Fragestellung lautet u.a.: Wie und in welchem Umfang hat sich die Institution Baupolizei in der Mitte des 19. Jh. dargestellt, welche Aufgaben hatte sie zwischen 1850 und 1950 zu erfüllen und wie hat sie sich unter jeweils geänderten gesellschaftspolitischen Bedingungen gewandelt.

Haumann, Sebastian
„Schade, daß Beton nicht brennt …“ Stadtplanung zwischen Partizipation und Protest 1940-1990
Disputation 1/2010; Studie erschienen unter dem Titel „Schade, daß Beton nicht brennt…“ Planung, Partizipation und Protest in Philadelphia und Köln 1940–1990 (=Beiträge zur Stadtgeschichte und Urbanisierungsforschung 12), Stuttgart 2011.
Kurzbeschreibung des Dissertationsprojekts:
Aus den zahlreichen Protestbewegungen, die die 1970er Jahre geprägt haben, ragen die Auseinandersetzungen um die Neugestaltung innerstädtischer Wohngebiete auf Grund ihrer Vielschichtigkeit heraus. Im Protest gegen Stadterneuerung bündelten sich die Interessen der unmittelbar Betroffenen mit bürgerlichem Traditionsbewusstsein, ideologisch motivierter Opposition und dem wissenschaftlichem Diskurs der Architekten und Planungstheoretiker. Auf der anderen Seite war das staatliche Handeln von Ambivalenzen und Sprunghaftigkeit geprägt – forderte also Protest geradezu heraus, bot aber auch Chancen, die Anliegen der Protestgruppen in die Planungen zu integrieren. Die Arbeit analysiert diesen Prozess, der häufig als die Reorientierung der Stadtplanung hin zu zivilgesellschaftlichen Modellen beschrieben wird, anhand von Beispielfällen aus Philadelphia und Köln.

Keesser, Sina
Raum im Bild – Darstellungstechniken der Planungspraxis
Disputation 11/2018
Kurzbeschreibung des Dissertationsprojekts:
Während Architekten des Mittelalters noch als Handwerker galten, die sich vornehmlich mit bautechnischen Fragen beschäftigten, verstanden sich Architekten seit der Frühen Neuzeit vielmehr als Designer, die sich mit Darstellungstechniken auseinandersetzten. Dienten die erstellten Skizzen, Zeichnungen und Pläne zunächst primär zum Informationsaustausch mit Baustelle oder Auftraggeber, bewirkte die technische Möglichkeit zur Reproduktion dieser Bilder auch eine veränderte Kommunikation mit der allgemeinen Öffentlichkeit. Denn die Möglichkeit, Architektur anhand von Bildern zu konsumieren, veränderte die Rezeption insofern, als sie nicht mehr an das direkte räumliche Erlebnis gebunden war. Die Einführung von Massenmedien führte zu einer Intensivierung dieser Entwicklung, so dass unser baukulturelles Gedächtnis heute zu einem nicht unerheblichen Teil von medial vermittelten Bildern geprägt ist.
Als Beitrag zur Professionsgeschichte des Architekten geht die geplante Forschungsarbeit diesem Verhältnis von Architektur und Massenmedien bzw. Raum und Bild auf den Grund. Dabei liegt der zeitliche Fokus auf den 1950-70er Jahren. Zum einen war Architektur damals ein Thema, dem gesamtgesellschaftliche Relevanz zugeschrieben wurde. Zum anderen äußerte die internationale Architekturelite des CIAM (Congrès International d’Architecture Moderne) explizit den Wunsch, nicht länger einen abgeschlossenen Expertendiskurs zu führen, sondern mit der breiten Bevölkerung in einen Dialog treten zu wollen. Als adäquate Kommunikationsmittel für diesen Zweck wurden gerade Fotografien, Skizzen und Collagen gehalten.
Aus Perspektive der Mediengeschichte soll geklärt werden, wie innerhalb von Printmedien über Architektur berichtet wurde, welche Inhalte von einzelnen Akteuren an welche Zielgruppen verbreitet werden sollten und inwieweit sich diese mit der spezifischen Form des Mediums vereinbaren ließen. Dabei werden Bilder als 'materielles Dispositiv' verstanden, das bestimmte Aussagen ermöglicht, andere aber gleichzeitig ausschließt. Letztlich soll herausgearbeitet werden, welche Konsequenzen die Mediatisierung des Architekturdiskurses mit sich brachte, ob sich Planungspraxis und Ausbildungssituation dadurch wandelte und inwieweit sich dabei auch die allgemeine Wahrnehmung von Architektur veränderte.

Keil, Sonja
Arbeitstitel: Soziale Wirklichkeit und Geschichte einer besonderen Lebenswelt: Prozesse unkonventioneller Habitusbildung am Wohnwagenstandplatz Bonameser Straße in Frankfurt am Main
Disputation 1/2018; die Arbeit erschien unter dem Titel:
Soziale Wirklichkeit und Geschichte des Wohnwagenstandplatzes Bonameser Straße in Frankfurt am Main – Prozesse unkonventioneller Habitusbildung in einer besonderen Lebenswelt, Frankfurt am Main 2018.
Kurzbeschreibung des Dissertationsprojekts:
Mit der sozialwissenschaftlichen Studie »Soziale Wirklichkeit und Geschichte des Wohnwagenstandplatzes Bonameser Straße in Frankfurt am Main« wird eine besondere Lebenswelt in den Blick genommen. Die Begegnungen mit den Menschen, die 1953 am Rand der Stadt angesiedelt wurden und überwiegend als „ambulante Gewerbetreibende“ (z. B. Schausteller, Zirkusangehörige und im Altstoffhandel Tätige) zu bezeichnen sind, haben mich zu dieser Arbeit bewogen. Deren besondere Lebenswelt wird historisch und empirisch von außen betrachtet und in einem zweiten Schritt mit der Sicht von innen ergänzt. Diese »Sicht von innen« entsteht durch die Einladung zur Selbstthematisierung der Bewohner, den Blick auf ihre Biographien und ihren Alltag. Durch die Analyse des Blicks der Gruppe auf sich selbst wird deren Selbstverständnis und Lebensweise deutlich, über die bislang so gut wie keine wissenschaftlichen Erkenntnisse vorliegen. Gleichzeitig verweisen die Erkenntnisgewinne auf eine gesellschaftliche Vielfalt, die ebenfalls im gesellschaftlichen Bewusstsein kaum vorhanden ist.
In der historischen Betrachtung zeigte sich, dass die historische Ausgrenzung und Diskriminierung dieses Personenkreises bereits mit der Periode der Reichsgründung nach 1870 einsetzte, wodurch »Fahrende« allmählich zu »Zigeunern« wurden. Im Frankfurt der Weimarer Republik und in Hessen wurde 1929 ein schon vorher in Bayern erlassenes Gesetz »zur Bekämpfung von Zigeunern, Landfahrern und Arbeitsscheuen« übernommen, das auf die Vernichtung dieser Lebensform hinauslief. Schon damals ging es um die Verbannung von Wohnwagen aus der Stadt. Im NS-Reich wurde diese Politik intensiviert und erhielt sehr schnell eine rassenbiologische Grundlage, die vor allem auf die Sinti und Roma zielte. Die »Zigeuner « und »Zigeunermischlinge« wurden reichsweit systematisch erfasst. Interessanterweise bestand inhaltlich wie personell eine Kontinuität dieser Politik bis in die 1960er Jahre hinein. Nach 1945 ist jedoch eine Veränderung der Sichtweisen zu beobachten und ein Engagement von Akteuren, wie z. B. dem Kirchenpräsidenten Martin Niemöller, die sich für eine menschenwürdige Lebensperspektive für diesen Personenkreis einsetzen. Trotzdem bestehen in der städtischen Gesellschaft bis heute Widerstände gegen den Wohnwagenstandplatz (WSP).
Deutlich wurde, dass die in der Studie betrachteten Personen in der Lage sind ihr Netzwerk zur Zielerreichung zu aktivieren und damit der sozialen Destabilisierung entgehen. Auch wenn die gemeinschaftlichen Werte durch die Mehrheitsgesellschaft etwas erschüttert werden, erweisen sich diese als resistent gegenüber den Bemühungen der Mehrheitsgesellschaft. Nach wie vor werden die eigenen Werte beibehalten, die über Jahrhunderte das Überleben sicherten. Aus der Dialektik der in der Arbeit dargestellten Formen der Ausgrenzung und Abgrenzung gegenüber der Ausgrenzung entwickelten die in dieser Arbeit untersuchten Gruppen die Fähigkeit der Bewahrung der eigenen Kultur und Identität.

Patzelt, Katrin
https://tuprints.ulb.tu-darmstadt.de/5998/
Die Rehabilitierung von Wehrmachtsdeserteuren. Eine Analyse der Debatte in der BRD
Kurzbeschreibung des Dissertationsprojekts:
Die dezidierte Auseinandersetzung mit der Rehabilitierung von Wehrmachtsdeserteuren gelangte in Deutschland erst Mitte der 1980er Jahre, nach der Filbinger-Affäre und im Kontext des NATO-Doppelbeschlusses 1979, in die breitere Öffentlichkeit. Tatsächlich rehabilitiert wurden die Wehrmachtsdeserteure in Deutschland jedoch erst nach einer sehr lange und vor allem sehr verbittert sowie kontrovers geführten Debatte im Jahr 2002, durch die Erweiterung eines 1998 verabschiedeten Gesetzes zur Aufhebung nationalsozialistischer Unrechtsurteile in der Strafrechtspflege (NS-AufhG). Während die Befürworter der Rehabilitierung oftmals den Standpunkt vertraten, dass Desertion eine Form des Widerstands gegen Hitler gewesen sei, waren die Gegner der Rehabilitierung hingegen der Auffassung, dass das vermeintlich unehrenhafte Handeln und im Stich lassen der Kameraden eine Herabwürdigung aller anderen einfachen Wehrmachtssoldaten und somit einer gesamten Generation darstellen würde.Die Dissertation untersucht die thematische Auseinandersetzung zwischen den Jahren 1987 – 2002 sowohl auf der politischen Ebene, durch Dokumente des Deutschen Bundestags und Bundesrats, sowie auf der öffentlichen Ebene, anhand der Auswertung veröffentlichter Artikel in ausgewählten Zeitungen und Zeitschriften, unter Berücksichtigung des allgemeinen geschichtspolitischen Geschehenes im entsprechenden Zeitraum. Die Arbeit legt dar, weswegen die Auseinandersetzung in Deutschland so spät begann, welche Bemühungen die am Diskurs beteiligten Akteure unternahmen und wie sich diese in der Öffentlichkeit bzw. und der Gesetzgebung niederschlugen.

Schregel, Susanne
„Der Atomkrieg vor der Wohnungstür". Eine Geschichte der neuen Friedensbewegung in der Bundesrepublik Deutschland, 1970-1985.
Disputation 7/2010; Studie erschienen unter dem Titel: Der Atomkrieg vor der Wohnungstür. Eine Politikgeschichte der neuen Friedensbewegung in der Bundesrepublik 1970-1985 (=Historische Politikforschung 19), Frankfurt a. M. 2011.
Kurzbeschreibung des Dissertationsprojekts:
Mit dem Aufkommen der „neuen Friedensbewegung“ Anfang der 1980er Jahre entstehen eine Vielzahl politisch fokussierter Konstruktionen von Raum. Angesichts der technisch herbeigeführten Möglichkeit einer Vernichtung weiter Bevölkerungsteile wird Raum von den AktivistInnen der Friedensbewegung neu entworfen und besetzt. Das vorliegende Dissertationsprojekt befasst sich mit diesen Raumkonstruktionen in ihrer ganzen Breite. In den Blick geraten dabei sowohl die Neuinterpretationen politischer Räume, die Bedeutung spezifischer Orte, ihre mediale Inszenierung, Zugriffe auf Räumlichkeit und Körper in den Aktionsformen der Bewegung wie auch die Ikonographie der antizipierten Katastrophe im friedenspolitischen Kartenwerk.