Über das Projekt
Laufzeit: 2024 – 2027
Gefördert durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG), Bonn
Das Projekt
Das 19. Jahrhundert stellte für die verschiedenen Monarchien Europas eine bedeutende Bewährungsprobe dar. Unter dem Einfluss von Revolutionen und der Herausbildung von parlamentarischen Systemen kam es zu Veränderungen in Gesellschaft und Politik. Ein Teil dieser Entwicklung war die zunehmend schärfere Korruptionskritik, welche sich gegen das „Alte“ und „Korrupte“ wandte.
Im Projekt „Monarchie und Korruptionsdebatten im langen 19. Jahrhundert“ werden Korruptionsdebatten und der damit verbundene Diskurs über die Legitimität von Monarchie betrachtet. Untersuchungsgegenstände sind sowohl die Korruptionskritik gegen die Monarchie als auch die Verteidigung bzw. Selbstdarstellung der Monarchie. Zum einen werden Charakteristiken von Korruptionskritik ermittelt. Hierzu sollen verschiedene Korruptionsvorwürfe und Argumente betrachtet werden. Es wird gefragt, welche Verhaltensweisen von Herrscher:innen aufgrund von normativen, moralischen oder anderen Gründen verurteilt wurden. Zum anderen wird in der Untersuchung zur Selbstdarstellung von Monarchie erarbeitet, wie von herrschaftlicher Seite auf den Verdacht der Korruption reagiert wurde. Es geht um die Frage, welche Handlungsmöglichkeiten und Inszenierungsstrategien Herrscher:innen sowie deren Unterstützer in Korruptionsdiskursen besaßen und anwandten.
Das Projekt beschäftigt sich europäisch vergleichend mit Frankreich, Großbritannien und Deutschland (vorrangig Preußen und Bayern). Neben Gemeinsamkeiten zwischen den individuellen Korruptionsdebatten werden länderspezifische Charakteristiken untersucht, die sich schon aus den sehr unterschiedlichen Geschichten der jeweiligen Monarchien ergeben.
Für die Bearbeitung wird das Projekt in zwei zeitlich definierte Teilprojekte aufgeteilt:
Teilprojekt 1: 1780-1830
Das Teilprojekt 1 wird sich mit dem Abschnitt von 1780 bis 1830 befassen. Mit dem Beginn der Französischen Revolution 1789 breitete sich eine allgemeine Neubewertung der gesellschaftlichen und politischen Systeme in Europa aus. Korruptionskritik nahm in dieser Zeit ihre bis heute bestehende Grundstruktur an. Sie richtete sich zudem gegen die etablierten staatlichen Strukturen und Herrschaftsformen. Sie zielte in vielen Fällen darauf, Monarchie als „veraltete“ Institution zu charakterisieren.
Im Zuge des Teilprojektes soll herausgearbeitet werden, welche Argumente an der Wende zum 19. Jahrhundert verwendet wurden, um Monarchien als „veraltet“ zu delegitimieren. Es wird aber auch untersucht, welche Strategien von Seiten der Herrscher:innen verwendet wurden, um ihre Herrschaft zu sichern. Dabei wird nach den Gründen für erfolgreichen und weniger erfolgreichen Umgang mit Korruptionsvorwürfen gefragt. So wurden die immer radikaler ausfallenden Angriffe gegen die französische Monarchie im Zuge der Revolution von 1789 mit erheblichen korruptionskritischen Untertönen geführt, während die fast zeitgleiche Debatte über „Old Corruption“ in Großbritannien einen enormen Reformdruck gegenüber der Krone erzeugte. In den preußischen und bayerischen Staatsreformen der Zeit um 1800 gelang es den Herrschern dagegen, sich an die Spitze des Prozesses zu setzen.
Die Abbildung zeigt Georg III., links im Bild, umgeben von mehreren Männern. Während Lord North, direkt hinter dem König, dem in Gedanken versunkenen König tröstend die Hand hält, blicken und zeigen die anderen Männer hämisch auf Georg III. Über dem König fliegt die „Korruption“, dargestellt als eine Frauengestalt mit Schlangen im Haar, welche Georg III. die Krone vom Kopf nimmt. Um das Bild herum ist die Inschrift „Mollia cum Duris, Sine pondere habentia pondus“ („Weiches zusammen mit Hartem, ohne Gewicht haben sie Gewicht“) geschrieben. Als Kontext des Bildes kann der Beginn der Korruptionsdebatten des späten 18. Jahrhunderts in England gedeutet werden. Diese dauerten bis 1832 an und in ihnen wurden die in der britischen Regierung und dem Adel etablierten Praktiken der „Old Corruption“ kritisiert und zu Reformen des Staatswesens aufgerufen. Auch die englische Monarchie war Teil der Korruptionsdebatten, so kann beispielsweise der Verlust der Krone durch die Korruption in der Abbildung als Kritik an Georg III. interpretiert werden.
Teilprojekt 2: 1890-1930
Im zweiten Teilprojekt beschäftigt sich Sarah Deck mit dem Ende des langen 19. Jahrhunderts, das hier von ca. 1890 bis 1930 angesetzt ist. In dieser Zeitspanne zeigt sich die Monarchie in den untersuchten Beispielen auf verschiedene Weise: Während sie in Großbritannien in konstitutioneller Form stabil bestehen blieb, endete das Deutsche Kaiserreich mit der Ausrufung der Republik 1918. Hierdurch waren nun nicht nur die Monarchie des Kaiserreichs, sondern auch alle deutschen Königreiche in der Opposition zum regierenden System. Es bildeten sich monarchistische Verbände mit dem Ziel einer Restituierung der Monarchien, sowohl auf Reichsebene, als auch in Bayern. In Frankreich regierte im gesamten Untersuchungszeitraum kein König, denn seit 1870 bestand die Dritte Republik. Allerdings erhoben gleich drei Familien Anrecht auf einen französischen Thron – die sogenannten Legitimisten unterstützen die Restitution des Königreichs Ludwigs XVI., die Orléanisten setzten sich für die Linie Louis Philippes ein und die Bonapartisten strebten nach dem Kaiserreich der Napoleons. Interessant für alle Monarchien ist im Laufe der 1920er Jahre deren Positionierung zu den erstarkenden faschistischen Bewegungen und inwiefern sich diese in Korruptionsdebatten zeigte.
Im gesamten Zeitraum ist die öffentliche Debatte stark von Korruptionsskandalen mitgestaltet, die als Ausgangspunkt der Untersuchung dienen: Welche Rolle nimmt die Monarchie in diesen ein? Wie werden Monarchien wahrgenommen, und wie positionieren sie sich selbst? Im Fokus stehen dabei unter anderem Skandale, in denen Parlamentarier, Mitglieder der Regierung oder die Presse in undurchsichtige und dubiose finanzielle und wirtschaftliche Vorgänge verwickelt waren, zum Beispiel im französischen Panama-Skandal, im englischen Marconi-Skandal, im deutschen Kornwalzer Skandal oder den Diskussionen um den Welfenfonds. Insbesondere soll untersucht werden, inwiefern diese Korruptionsdebatten, die das Parlament betreffen, Auswirkungen auf die Wahrnehmung und Darstellung der Monarchien hat: Ist hier ein positives Gegenbild zu den „korrupten“ Politikern zu erkennen? Ein Ausgangspunkt wäre hier die Rolle George V. in der Honours-Affäre 1922. Außerdem soll aber auch untersucht werden, inwiefern die Monarchie selbst Fokus von Korruptionsdebatten wurde, als Korrumpierende oder Korrumpierte. Zu denken ist hier beispielsweise an die Zahlungen Ludwigs II. aus dem Welfenfonds, oder Edwards VII. Beziehungen zu „Plutokraten“. Zusätzlich werden in dieser Untersuchung auch Debatten bedacht, die sich mit Korruption im Sinne einer „moralischen Korrumpiertheit“ der zeitgenössischen Wahrnehmung nach beschäftigen, beispielsweise dem Eulenburg-Skandal.
Basieren soll diese Untersuchung hauptsächlich auf öffentlichen Quellen, das heißt hauptsächlich dem reichen Fundus an Zeitungen verschiedener politischer Ausrichtungen und Parlamentsprotokollen. Darüber hinaus sollen auch theoretische Texte hinzugezogen werden, die sich jenseits der Skandale mit Monarchie, Monarch*innen sowie deren Familien und Korruption beschäftigen.
Leitung und Bearbeitung
Geleitet wird dieses Projekt von Prof. Dr. Jens Ivo Engels (TU Darmstadt, Institut für Geschichte)
Die Bearbeitung obliegt für das Teilprojekt 1 Markus Horbach (TU Darmstadt, Institut für Geschichte).
Die Bearbeitung für das Teilprojekt 2 übernimmt Sarah Deck (TU Darmstadt, Institut für Geschichte)