Die Geschichte von Industrie 4.0.
Fabrikkonzepte der Ingenieurswissenschaften in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts

Die Fabrik der Zukunft ist seit einigen Jahren unter dem Schlagwort Industrie 4.0 erneut in das Zentrum wissenschaftlicher und öffentlicher Diskussionen über eine effiziente, wettbewerbsfähige und sozialverträgliche Produktion gerückt. Aus technikhistorischer Perspektive scheint die Idee hinter dem Konzept jedoch nicht neu.

Die Fabrik der Zukunft ist seit einigen Jahren unter dem Schlagwort Industrie 4.0 erneut in das Zentrum wissenschaftlicher und öffentlicher Diskussionen über eine effiziente, wettbewerbsfähige und sozialverträgliche Produktion gerückt. Aus technikhistorischer Perspektive scheint die Idee hinter dem Konzept jedoch nicht neu. Spätestens seit Ende der 1970er Jahre wird die Zukunft der Fabrikproduktion auf Basis neuer Informations-, Kommunikations- und Automationstechnologien diskutiert. Der Blick auf die Konzepte von Fabrik, die seitdem in der universitären und außeruniversitären Forschung in Deutschland entwickelt wurden, zeigt eine erstaunliche Persistenz. Daher wirft das Projekt die Frage auf, ob es sich bei Industrie 4.0 um einen neuen Ansatz handelt oder nicht eher um die Fortschreibung der Idee einer Fabrik der Zukunft.

In diesem Forschungsprojekt stehen daher, anders als in der bisherigen Forschung, die Visionen, Konzepte und konkreten Forschungen der Ingenieurswissenschaften, genauer der produktionstechnischen Forschung im Mittelpunkt. Indem deren Forschungsprojekte, Leitbilder, Entwürfe und Konzepte analysiert werden, soll ein Beitrag zur Geschichte der Automatisierung und Digitalisierung der industriellen Arbeitswelt geleistet werden. Konzepte wie Computer Integrated Manufacturing (CIM), die eine Fabrik der Zukunft als rechnerintegriert oder -gestützt und als ganzheitliches, informationstechnisches System entwickelten, sind zentral für das Projekt. Denn obwohl CIM an der Umsetzung scheiterte, blieben wesentliche konzeptionelle Ideen bestehen und finden sich heute erneut in den Überlegungen zur Industrie 4.0 wieder. Parallelen zeigen sich bei der einflussreichen Vorstellung der ganzheitlichen Produktion, den wirtschaftlichen Versprechen, der zögerlichen Umsetzung sowie der vielseitigen fachlichen und öffentlichen Diskussion. Die verschiedenen Diskurse verhandelten dabei auch Visionen und Befürchtungen, die von der Computerisierung der Arbeitswelt ausgingen, und widmeten sich der Frage nach der Zukunft der Arbeit und der Ersetzung der Menschen durch die Maschinen. Das Projekt analysiert diese gesellschaftlichen Debatten sowie die Rolle und Bedeutung der ingenieurswissenschaftlichen Forschung im öffentlichen Diskurs.

Die (Weiter-)Entwicklungen der Technologien und Konzepte sowie die Vermittlungen und Reaktionen auf verschiedene Entwürfe einer Fabrik der Zukunft sollen mit dem Konzept des Wissenspfades beschrieben und erklärt werden. Das Projekt lehnt sich damit an das Konzept der Pfadabhängigkeit an, das in der Technikgeschichte bereits verschiedentlich fruchtbar gemacht wurde. Es soll die Herausbildung, Formung und insbesondere die Stabilität einer Forschungsrichtung erklären helfen. Generell zielt das Pfadkonzept auf die Erklärung von Kontinuität und Beständigkeit eines einmal eingeschlagenen Weges ab. Automatisierung und Digitalisierung erscheinen dabei als Leitbild der Fabrik der Zukunft, das trotz Sackgassen, Umwegen und Anpassungen beibehalten wird, und sich auch heute in der Idee von Industrie 4.0 wiederfindet.

Das Projekt ist finanziert von der DFG: Laufzeit: 01.04.2018 – 31.03.2022

Zentrale Publikationen zum Forschungsschwerpunkt:

Die Vierteilung der Vergangenheit. Eine Kritik des Begriffs Industrie 4.0, in: Technikgeschichte 86 (2019) H.2, S. 3-20. (zusammen mit Martina Heßler)