Türchen Nr. 1 DIE WEIHNACHTSGURKE
Na, habt ihr alle schon einen Weihnachtsbaum und habt ihn bereits weihnachtlich geschmückt? Falls nicht, hätten wir noch eine tolle Idee für euren Baumschmuck.
Kennt ihr die Tradition, den Weihnachtsbaum mit einer Gurke zu schmücken?
Nein? Wir auch (eigentlich) nicht. Und wenn ihr jetzt glaubt, wir hätten dieses Thema näher erforscht, dann täuscht ihr euch!
Denn das haben bereits andere für uns getan.
Wir empfehlen an dieser Stelle den Blog von Jennifer Markwirth zu dieser kuriosen Tradition.
Solltet ihr aber diesen „ur-alten, allseits bekannten, deutschen Brauch“ kennen UND praktizieren, freuen wir uns über Bilder deines Gurkenschmucks.
Im gegenteiligen Fall empfehlen wir euch den Link
Link zum Blog: https://flora-obscura.de/der-mythos-der-weihnachtsgurke/
Dort gibt es auch spannende Hintergrundinformationen zur Tradition des Baumschmückens.
Ich beschäftige mich in meiner Doktorarbeit mit der Feuermeldung in Städten des späten 18. bis frühen 20. Jahrhunderts. Eines meiner Untersuchungsbeispiele ist München. Hin und wieder stolpert man auf der Suche nach Informationen zu Feuertelegrafen oder dem Telefonnetz auch mal über Schriftbelege, über die man sehr schmunzeln muss. Die Störungen im Telefonnetz scheinen in München nach den Kriegsjahren des 1. Weltkrieges so massiv gewesen zu sein, dass man trotz der moderneren Telefontechnologie weiterhin auf telegrafische Straßen- und Privatfeuermelder setzte. In einer Akte aus dem Münchener Stadtarchiv zu den Störungen und Überlastungen des Telefonnetzes fand ich einen Schriftwechsel, der sich mit den übermäßigen Privatgesprächen der Bediensteten der städtischen Stadteinkauf München GmbH beschäftigt. Der Betrieb besaß 195 Telefonstellen, ein Drittel der Gespräche waren allerdings Privatgespräche. Gleichzeitig musste die Stadt München die Privatgespräche der Bevölkerung von 9-12 und 15-18 Uhr untersagen, damit wenigstens der behördliche Telefonverkehr möglich war. Mehrere Angestellte des Stadteinkaufs beschwerten sich im Januar 1920 beim Telefonamt, dass dieses durch eine „energische Mahnung“ der Direktion dem „blödsinnigen Geschwätz“ Einhalt gebieten solle. Insbesondere die „Damen“ des Hauses hätten es „in dieser Beziehung sehr notwendig.“ Die Folge war, dass die Mitarbeiter:innen des städtischen Betriebes nun genaustens Buch über ihre Telefongespräche führen mussten und die Telefonrechnungen kontrolliert wurden.
Quelle: Stadtarchiv München, DE-1992-VERK-0240, Telegraph und Telephon, Schreiben einiger Angestellten der Stadteinkauf München GmbH an das Telephonamt München, 26. Januar 1920.
Text: Julia Hinze
Hinter dem heutigen Türchen verbirgt sich ein studentischer Beitrag von Katharina Skalicki (Alte Geschichte).
Die Sprache der Macht
In „Der Peloponnesische Krieg“ schreibt attischer Geschichtsschreiber Thukydides die Ereignisse im Peloponnesischen Krieg, ein Krieg zwischen dem Attischen Seebund und dem Peloponnesischen Bund unter Sparta im 5 Jh. v. Chr., nieder.
Melos möchte im Konflikt zwischen Sparta und Athen neutral bleiben, doch Athens Gesandte bestehen auf Melos‘ Unterwerfung, welche laut ihnen nützlich für beide Seiten sei. Zurecht prangern Melos‘ Gesandte an, wie es „für [sie] ebenso nützlich ausfallen [könnte], [Athens] Sklaven zu werden“ (Thuk. 5.92; von Weißenberger.), worauf Athen erwidert: „Weil euch anstatt der ärgsten Katastrophe die Stellung eines Untertanen zukäme, wir euch aber nicht vernichten müssen […].“ Die Ehrlichkeit in Athens Sprache ist ungewöhnlich für eine Verhandlung und es gilt zu hinterfragen, inwiefern Thukydides eigene Meinung über Athens Motive sich in seinem Bericht widerspiegelt, scheint der Dialog doch eher ein Konglomerat an zeitgenössischen Meinungen und verschiedenen Perspektiven über den Konflikt, statt ein so tatsächlich stattgefundener Dialog, zu sein. Dennoch enthüllt er ungeschönt die Rhetorik des Imperialismus.
„[…] eure Feindschaft schadet uns nicht so sehr, wie eure Freundschaft sich als Zeichen unserer Schwäche, Hass dagegen als eines unserer Macht sich vor unseren Untertanen präsentiert.“ (Thuk. 5.95; von Weißenberger.), spricht Athen und zeigt damit, dass Imperialismus nicht nur eine Sache der Außenpolitik ist, sondern auch als Mittel der Innenpolitik genutzt werden kann und wird.
Athens Rhetorik basiert auf dem Recht des Stärkeren, wie es später offen zugibt: „[…] von der Menschennatur [wissen wir], dass sie, wo immer Überlegenheit da ist, unter dem Druck einer naturgegebenen Notwendigkeit Herrschaft ausübt.“ (Thuk. 5.105.2), „Und wir, die ja dieses Gesetz weder erlassen noch […] davon als Erste Gebrauch gemacht, sondern es existierend übernommen haben […], machen davon Gebrauch […].“ (Thuk. 5.105.2.). Das Recht des Stärkeren ist also als naturgegeben zu verstehen, die Mächtigen nehmen sich lediglich, was ihnen laut dem Recht des Stärkeren zusteht. Der Imperialismus, oder die „Tyrannis“, wie attischer Politiker Kleon Athen nennt, ist in Athens Rhetorik gewissermaßen gerecht und, weil Gerechtigkeit und Moral in der Antike häufig nah beieinander lagen, auch moralisch.
Bild:
Auch heute befindet sich hinter unserem Türchen Nr. 4 ⭐ein weiterer studentischen Beitrag von Fabian Riehl.
Die Sogder – Einflussnehmer auf den Seidenstraßen
Die ostiranischen Sogder prägen in der Antike und im Frühmittelalter die Handelsrouten, Oasen und Städte der Seidenstraßen auf verschiedene Arten und Weisen ganz wesentlich. Sogdisch gilt in dieser Zeit sogar als „Lingua franca der Seidenstraße“ und die mongolische Schrift basiert interessanterweise auf dem sogdischen Alphabet, welches wiederrum auf der aramäischen Schrift basiert. Sogder waren in verschiedenen Teilen Asiens als Händler, Karawanenführer, Missionare, Linguisten, Kosmopoliten, Ideengeber, Künstler, Tänzer, Musiker, Berater, Diplomaten, Staatsminister, Generäle, Gouverneure, Rebellenanführer und Propheten aktiv. Die sogdische Diaspora erschafft vor allem auch außerhalb des sogdischen Kernlandes im heutigen Zentralasien (ungefähr zwischen Samarkand und Bukhara) ein weitrechendes und dominierendes Handelsnetzwerk, nämlich von Peking bis nach Konstantinopel. Außerdem haben sie maßgeblich die Verbreitung des Buddhismus, des Christentums, des Manichäismus und des Zoroastrismus entlang den Handelsrouten vorangetrieben, vor allem bei den Uiguren und in China. Sogder werden des Öfteren in chinesischer Kunst dargestellt und der rebellierende Halb-Sogder An Lushan ernennt sich in der östlichen Hauptstadt Luoyang sogar kurzzeitig selbst zum Yan Huangdi (Kaiser). Sein Name geht, ebenso wie der der Ehefrau Alexander des Großen, wahrscheinlich auf den gebräuchlichen sogdischen Namen Roxshan zurück.
Wer sich intensiver mit dem Thema beschäftigen möchte, findet hier die Literatur, auf die sich dieser Beitrag stützt:
- Lerner, Judith A./Wide, Thomas: Who Were the Sogdians, and Why Do They Matter?, in: The Sogdians: Influencers on the Silk Roads, (https://sogdians.si.edu/introduction)
- Klimkeit, Hans-Joachim: Die Seidenstraße, Handelsweg und Kulturbrücke zwischen Morgen- und Abendland, Köln 1988.
Bildnachweis: National Museum of China, Beijing: Camel with Musicians, China, Tang dynasty (618–907 CE), in: The Sogdians: Influencers on the Silk Roads (https://sogdians.si.edu/camel-with-musicians)
🎄✨ Türchen Nr. 5: „Santa’s DH Helpers“ – Werde Teil der Weihnachtsforschung! 🎅📜
Alle Jahr wieder – auch weil das Projekt einfach toll ist und immer noch läuft. :-)
Wusstest du, dass du den Weihnachtsmann und die Digital Humanities unterstützen kannst? Mit dem Projekt „Santa's DH Helpers“ kannst du Briefe, die Kinder an den Weihnachtsmann geschrieben haben, transkribieren und dabei selbst Teil eines spannenden Forschungsprojekts werden! 💌🎄
🌟 Warum mitmachen?
Es macht nicht nur Spaß, in die weihnachtliche Korrespondenz einzutauchen, sondern du hilfst auch, die Arbeit und Vielseitigkeit der Digital Humanities sichtbar zu machen.
Das Projekt wurde von den Digital Humanities der University of Warwick ins Leben gerufen und verbindet Geschichte, Technik und Weihnachtszauber. ✨
👉 Mach mit: Santa’s DH Helpers
https://www.zooniverse.org/projects/steve-dot-ranford/santas-dh-helpers/classify
Tauche ein in die Weihnachtsstimmung, hilf beim Erhalt von Geschichte und werde selbst ein „Santa's Helper“! 🎅🎁
Hinter dem heutigen Türchen befindet sich ein kleiner Einblick in die Bachelorarbeit von Pascal J. Harter (Student) über Lord D’Abernon.
Die ‚Volkscharakterbeschreibungen‘ und das Rassendenken des Ambassador of Peace – Alles andere als ein harmloser Nikolaus/Weihnachtsmann
Lord D’Abernon, britischer Botschafter in Berlin (1920–1926), galt lange als „Friedensbotschafter“ zwischen Großbritannien und der Weimarer Republik. Seine Tagebücher, von ihm herausgegeben unter dem Titel An Ambassador of Peace, prägten lange das Bild eines klugen, ausgewogenen Diplomaten, der zur Stabilisierung Deutschlands und Westeuropas nach dem Ersten Weltkrieg beitrug. Doch diese Sicht gerät ins Wanken, sobald man einerseits im Allgemeinen D’Abernons Selbstinszenierung anhand weiterer Quellen historisch-kritisch hinterfragt (vgl. Gaynor Johnsons Forschung)1 und andererseits die zahlreichen Äußerungen des Botschafters über „Rassen“ und „Volkscharaktere“ näher unter die Lupe nimmt.
Der Zeitgenosse Robert Gilbert Vansittart, 1. Baron Vansittart beschrieb seinen persönlichen Bekannten D’Abernon später wie folgt:
„D'Abernon was handsome, brilliantly intelligent, financier, scholar, as good judge of a horse as of a picture, white-bearded as an acute Father Christmas with something more than an eye for a pretty girl, excellent company, one of those Britons who contrive to be cosmopolitan in culture and insular in outlook; he was in fact almost everything but great.“ 2
Eine von Pascal J. Harter kürzlich an der TU Darmstadt entstandene Bachelorarbeit zeigt, dass D’Abernon in seinem Selbstverständnis und seiner Weltsicht tief in den rassistischen Denkmustern seiner Zeit verhaftet blieb. Etwa seine Beschreibungen der „Germanic race“ als „virile and masterful“ oder der Franzosen als „feminine“ folgten einer pseudowissenschaftlichen Logik, die nationale Eigenarten biologisch deutete. Vor allem beschrieb er Jüdinnen und Juden wiederholt als geldgierige, zugleich bolschewistisch beeinflusste (rassisch definierte) Gruppe – ein antisemitisches Stereotyp, das er mit kolonialem Paternalismus verband.
Diese Volkscharakterbilder waren für D’Abernon nicht bloß beiläufige Vorurteile, sondern zentral für dessen Selbstdarstellung. Indem er politische Erfolge oder Misserfolge auf vermeintlich naturgegebene Eigenschaften der Völker zurückführte, rechtfertigte er sein Handeln als (natur-)wissenschaftlich fundiert und damit objektiv. So wurde Rassendenken zum Baustein seiner persönlichen Legende – der des rationalen Friedensstifters, der nur an den „Eigenarten der Völker“ scheitern konnte.
Pascal J. Harters Arbeit verortet diese Haltung im Kontext spätviktorianischer Rassentheorien und der englischen Idee des „National Character“. D’Abernon repräsentiert damit die Übergangsfigur eines Bildungsbürgers, der Aufklärung und Wissenschaftlichkeit für sich beansprucht, aber (eher) unbewusst koloniale Hierarchien reproduziert. Seine Tagebücher zeigen exemplarisch, wie tief rassistische Schemata selbst in den humanistischen Eliten des frühen 20. Jahrhunderts verankert waren – und wie sie politische Wahrnehmung und teilweise wiederum die Geschichtsschreibung bis heute geprägt haben.
Fußnoten:
1) Z. B.: Johnson, Gaynor: The Berlin Embassy of Lord D’Abernon, 1920–1926, Basingstoke 2002 (= Studies in Diplomacy).
2) Davenport-Hines, Richard: Art. Vincent, Edgar, Viscount D'Abernon (1857-1941), Version 03.01.2008, Oxford.
Dictionary of National <https://doi.org/10.1093/ref:odnb/36661> (Abruf: 15.06.2024).
Aktuelle und bisher erste diesbezügliche Forschungsarbeit:
Bachelorthesis von Pascal J. Harter SoSe 2025:
Die ‚Volkscharakterbeschreibungen‘ und das Rassendenken des Ambassador of Peace. Eine Untersuchung der Natur der rassistischen und pseudowissenschaftlichen Völkercharakterisierungen des britischen Botschafters Lord D’Abernon sowie deren Rolle in D’Abernons Selbst- und Weltdarstellung
Beitrag verfasst von: Pascal J. Harter
Der heutige Beitrag hinter Türchen Nr. 7 wurde von Sarah Deck (Wissenschaftliche Mitarbeiterin im Fachgebiet Neuere und Neueste Geschichte) verfasst und eingereicht.
Ein königlicher Trendsetter: Der Weihnachtsbaum in Windsor 1848
Die royale Familie bewundert stauend den neuen Weihnachtsbaum – kein ungewöhnlicher Anblick, oder? Ob Weihnachtsansprache des Bundespräsidenten oder des englischen Königs, ob Weihnachtsmarkt oder christliche Messe – grüne Nadelbäume in festlicher Garnitur begleiten uns noch und nöcher durch die Weihnachtszeit. 1848 jedoch ist das Bild der englischen Königin Victoria und ihrem Gemahl Prinz Albert mit ihren Kindern eine Neuheit in England.
Aber wie kam der Weihnachtsbaum denn überhaupt ins Schloss Windsor?
Er stammt aus der christlichen Tradition. Schon aus dem Mittelalter und der Frühen Neuzeit kennen wir Berichte aus Kontinentaleuropa über die Verwendung von Christbäumen um die Weihnachtszeit. Die Mysterienspiele fanden um den 24. Dezember statt und waren der biblischen Geschichte Adams und Eva gewidmet. Hier dienten die immergrünen Nadelbäume als Baum der Erkenntnis, zu dessen Früchte Eva von der Schlange verführt wird. Gleichzeitig wurde er im Laufe der Jahrhunderte immer stärker vom Symbol der Versuchung zum Symbol des Lebens, der für die Geburt Jesu und die Vergebung der Sünden stand.
Zu Beginn des 18. Jahrhunderts finden sich dann immer zahlreicher Berichte über den Weihnachtsbaum, der auch Eingang in bürgerliche Haushalte gefunden hatte. Insbesondere in Deutschland war er weit verbreitet: Ob Goethe, Schiller oder Hoffmann, überall findet er sich als weihnachtliches Symbol. Über die deutschen Verwandten Queen Victorias – ihr Vorfahren stammen aus Hannover – war der Weihnachtsbaum schon in ihrer Kindheit präsent. Dass Prinz Albert, der aus dem Hause Sachsen-Coburg stammte, den Weihnachtsbaum erst nach England brachte, stimmt so also nicht. Aber trug er zu dessen Popularisierung bei, nicht zuletzt durch die hier abgebildete Darstellung, die 1848 in The Illustrated London News abgebildet wurde. Ab jetzt wurde der Weihnachtsbaum auch jenseits des Adels geläufig, bereits 1849 wurden erste Nadelbäume aus dem Camden Markt zum Verkauf angeboten. Und im Laufe der Jahre fand er Eingang in die weihnachtliche Kultur und ist bis heute nicht mehr wegzudenken.
Bildnachweis: Wikimedia commons
Quelle: http://www.webstermuseum.org/christmas.php
Heute verbirgt sich hinter unserem Türchen ein Highlight aus einem Seminar aus dem Arbeitsgebiet Geschichtsdidaktik.
Im Sommersemester 2025 widmete sich das Seminar, geleitet von Miriam Grabarits, einer bislang wenig beachteten Quellengattung: den gegenständlichen Quellen.
Trotz der in der fachdidaktischen Literatur vielfach beschriebenen Vorteile der Arbeit mit gegenständlichen Quellen, „gehen [diese] im Geschichtsunterricht unter“ (Brait 2020, 141f.). Auch in der hochschuldidaktischen Lehre für angehende Geschichtslehrer:innen nimmt diese Quellengattung nur einen geringen oder meist gar keinen Raum ein. Diese Leerstelle sollte im Sommersemester 2025 im Seminarkontext der vorbereitenden Veranstaltung des Praxissemesters unter Leitung von Miriam Grabarits aufgegriffen werden. Im Seminarkonzept wird dabei nicht nur die haptische Arbeit mit konkreten analogen Objekten geübt, sondern darüber hinaus die Perspektive auf die Auseinandersetzung mit Digitalisaten erweitert. Damit sollte ein zentraler Gegenstand der geschichtswissenschaftlichen und -didaktischen Forschung und Lehre, nämlich der Umgang mit historischen Quellen, mit dem reflektierten und kompetenzfördernden Einsatz digitaler Technologien (3D/AR) verbunden werden.
Bilder der erstellten 3D-Modelle sowie der hier auch schon gezeigten exemplarische Objektbiographien können auf der Webseite eingesehen werden – außerdem gibt es jeweils Anleitungen, wie Sie selbst 3D-Modelle erstellen und in eine eigens von Seiten der TU Darmstadt entwickelten kostenfreien App integrieren können!
Ihr wollt mehr Infos? Dann bitte HIER entlang:
Text und Bilder: Miriam Grabarits
Der Beitrag hinter unserem heutigen Türchen beleuchtet, wie der weltweite Schokoladenboom um 1900 schon damals Fragen nach Verantwortung, Ausbeutung und globalen Lieferketten aufwarf.
Schokolade, moderne Sklaverei und Lieferkettendiskussionen zum Beginn des 20. Jahrhunderts
(verfasst von Pascal J. Harter, Student)
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde die bis heute international bekannte britische Schokoladenfirma Cadbury öffentlich mit einem moralischen Konflikt konfrontiert, der exemplarisch verdeutlicht, wie eng alltäglicher Konsum von Genussartikeln in Industrieländern und Gewalt (historisch) verknüpft sein können, und zeigt, dass öffentliche Debatten über die moralische Mitverantwortung westlicher Konzerne für ausbeuterische Praktiken in ihren Lieferketten keine Erfindung des 21. Jahrhunderts sind. Während um die Jahrhundertwende in Europa der Konsum von Schokolade rasant anstieg, stammte ein Großteil der dafür notwendigen Kakaobohnen von Plantagen der portugiesischen Kolonieinseln São Tomé und Príncipe, auf denen de facto Sklavenarbeit praktiziert wurde.
Der britische Journalist Henry W. Nevinson entlarvte 1905 das System der sogenannten „Vertragsarbeiter“ als reine Fassade. Auf seinen Reisen hatte er die Spuren der Gewalt protokolliert: Knochenteppiche entlang alter Sklavenrouten, junge Männer und Frauen, die unter Waffengewalt ‚freiwillige‘ Verträge unterschrieben, und Arbeiter, die die Inseln nie wieder lebend verließen. Sein Bericht machte deutlich, dass Portugal die Sklaverei in seinen afrikanischen Kolonien lediglich auf dem Papier abgeschafft hatte.
Als in der britischen Öffentlichkeit unter anderem aufgrund der Berichterstattung des Evening Standard bekannt wurde, dass auch Cadbury, eine von liberalen und Freihandel befürwortenden Quäkern geführte Firma mit vermeintlich hohem moralischem Anspruch, von genau diesen Bohnen profitierte, war der Schock groß: Ausgerechnet jene, die sich sozialreformerisch gaben, waren indirekt in moderne Sklaverei verstrickt.
Die Enthüllungen führten schließlich zu diplomatischen Verwerfungen und einem viel beachteten Gerichtsprozess. So reichte die Cadbury-Familie 1908 eine Verleumdungsklage gegen den Evening Standard ein. Dieser hatte dem Familienunternehmen vorgeworfen, trotz genauer Kenntnis der Produktionsbedingungen auf den portugiesischen Sklaveninseln aus Profitgier weiterhin den dort angebauten Kakao – statt höherwertigerer Erzeugnisse aus vergleichsweisem ethischem und besser kontrolliertem Anbau etwa von der britischen Goldküste (heutiges Ghana) – zu beziehen. (1)
Der renommierte sowie rhetorisch aggressive Anwalt des Evening Standards, Sir Edward Carson, der auch für seine Rolle in den Oscar-Wilde-Prozessen und als späterer Mitbegründer (Britisch) Nordirlands bekannt wurde, sorgte jedoch erfolgreich dafür, dass der Entschädigungsprozess für Cadbury finanziell weitestgehend erfolglos blieb und zu einem PR-Desaster wurde.
Ab 1909 boykottierten dann Cadbury und andere britische Firmen São Tomé endgültig – ein später, aber dennoch wichtiger Sieg des öffentlichen Drucks über die moralische Flexibilität und Gleichgültigkeit großer Unternehmen. Wie aktuelle journalistische Recherchen leider mit einer fast entmutigenden Regelmäßigkeit dokumentieren, gehören sklavereiähnliche Zustände im globalen Süden und somit in unseren Lieferketten nach über 100 Jahren keineswegs der Vergangenheit an.
Fußnote:
(1) Aus heutiger Sicht sind die damaligen Produktionsbedingungen in der britischen Kolonie Gold Coast sicherlich auch als ethisch fragwürdig bis teilweise ausbeuterisch einzuordnen, waren aber im unmittelbaren Vergleich mit der Ausbeutung schwarzer Arbeiter*innen auf São Tomé und Príncipe intersubjektiv durchaus etwas besser.
Hauptquelle des Beitrags: Satre, Lowell: Chocolate on Trial. Slavery, Politics, and the Ethics of Business, Athens (Ohio) 2005.
„Die Weihnachtslichter brennen – das Fest des Friedens ist da“. Es ist der 25. Dezember 1923, 20 Uhr. Erstmals ist die Stimme eines Reichskanzlers am Weihnachtsfest in deutschen Wohnzimmern zu hören. Wilhelm Marx, Politiker der katholischen Zentrumspartei und zu diesem Zeitpunkt seit knapp einem Monat im Amt, leitet mit diesen Worten die erste Weihnachtsansprache im deutschen Rundfunk ein. Er beklagt darin die Armut vieler Deutscher und das Leid des Krieges, und bedankt sich eingehend bei den zahlreichen Wohlfahrtseinrichtungen – insbesondere auch bei denen, die vom Ausland finanziert werden. Es ist eine schwere Rede, die das Jahr 1923 beschließt, das von Ruhrbesetzung, Hyperinflation und Armut geprägt war.
In wie vielen Haushalten die Ansprache des Reichskanzlers zu hören war, lässt sich schwer nachvollziehen. Das Radio selbst war in Deutschland zu diesem Zeitpunkt eine Neuheit. Erst am 29. Oktober 1923 erklangen die ersten Worte des Direktors der Funkstunde Berlin, Friedrich Georg Knöpfke, der den Rundfunk eröffnet hatte. In Anbetracht Inflation und finanziellen Notlage vieler Menschen, befanden sich in den meisten Wohnzimmern zu dieser Zeit daher noch keine Radios. Der Vorwärts, die sozialdemokratische Hauptzeitung, bemerkte zynisch: „Gehört freilich haben sie nur die Besitzenden, die sich heute schon einen eigenen Radioempfänger leisten können. So war selbst trotz dieser nach heutigen Begriffen vollkommenen Form der Nachrichtenverbreitung die Rede nur einem Teil der Bevölkerung zugänglich, nur halb öffentlich. Die große Masse erfährt sie erst mit reichlicher Verspätung durch die Zeitung“ (Vorwärts, 27.12.1923). Dennoch ist diese erste Weihnachtsansprache ein Moment, der zu erinnern lohnt.
Dieser Beitrag wurde von Sarah Deck, Wiss. Mitarbeiterin im Fachgebiet Neuere und Neueste Geschichte eingereicht.
Wenn historische Akten eines verraten, dann dass selbst Königinnen ganz eigene „VIP-Spuren“ im Stadtalltag hinterlassen haben.
Bahn frei für die Mutter Königin!👑
Für ihre Dissertation über Brandmeldesysteme in München taucht Julia Hinze (Wiss. Mitarbeiterin im Fachgebiet Neuere und Neueste Geschichte) tief in die Akten der Residenzstadt ein. Dabei stößt sie nicht nur auf technische Details zum Feuertelegrafennetz, sondern auch auf erstaunlich menschliche Seiten des Hoflebens.
Julia schreibt hierzu Folgendes:
Bei der Recherche für meine Dissertation zum Thema Brandmeldung in Städten des späten 18. und 20. Jahrhunderts beschäftige ich mich unter anderem mit der Residenzstadt München. Mich interessiert, wie repräsentative Gebäude, wie etwa die Residenz oder das Schloss Nymphenburg, an das Feuertelegrafennetz zur schnelleren Brandmeldung angeschlossen wurden. Dazu schaute ich mir eine Akte u.a. zur den feuerpolizeilichen Anordnungen in der Residenz an, die von 1508 bis 1918 Sitz der Wittelsbacher Kurfürsten und Könige war. Diese Akte enthielt auch allgemeine Wachinstruktionen. Dort stieß ich auf ein illustres Schriftstück des Oberhofmeisterstabs an die Residenzwache vom 13. Februar 1885. Betreff: Der Trottoir zum Königsbau. In diesem verbat der Oberhofmeisterstab verbat mit diesem Schreiben die Benutzung des Bürgersteiges südlich der Residenz durch Dienstpersonal, während der Spaziergänge der Königinmutter Marie (1825-1889) Der transkribierte Inhalt lautet:
„Ihre Majestät die Königin Mutter pflegen öfters zum Spaziergange das Trottoir längs der Königsburg am Max-Josephs-Platz zu benutzen. Diese Promenade wird aber ständig durch die Dienstmägde sehr beeinträchtigt. Ich erlaube (…) deshalb anordnen zu wollen, dass während der Anwesenheit ihrer Majestät der Königin Mutter dieser gesamte Trottoir von Dienstmädchen mit Kindern und Kinderwägen nicht benutzt werden darf.“
🎄✨ Türchen Nr. 12: Architektur zum Anbeißen! 🤪🍪
Heute werfen wir einen Blick über den Tellerrand. Oder besser gesagt: über den Lebkuchenteller-Rand. 😍
Denn hinter unserem 12. Türchen versteckt sich heute kein eigener Beitrag, aber einer, den wir euch nicht vorenthalten wollen. Dieses absolute Highlight (so finden wir) aus dem @fbarchiteFachgebiet Plastisches Gestalten am Fachbereich Architektur TU Darmstadt müssen wir einfach mit euch teilen. 😍
Die Studierenden aus dem Fachgehaben in den vergangenen Jahren echte Kunstwerke geschaffen: Lebkuchenhäuser, die nicht nur lecker aussehen, sondern auch architektonisch ganz schön was draufhaben.
Die Themen der letzten Jahre waren:
🏛️ 2019 – Brutalismus
🌸 2020 – Jugendstil
🌆 2021 – Amsterdam
🏘️ 2022 – Fachwerk
Die Herausforderung: Ein Haus entwerfen, backen und vollständig essbar errichten – inklusive maßstäblichem Plan, Rezept und Weihnachtsgruß.
Das Ergebnis? Kleine, köstliche Meisterwerke, die man eigentlich gar nicht essen möchte.
Schaut unbedingt auf der Website des Fachgebiets Plastisches Gestalten vorbei und bewundert diese beeindruckenden Kreationen selbst!
Wir jedenfalls sind tief beeindruckt!
Auch dieser spannende Beitrag wurde von Pascal J. Harter, Geschichtsstudent und engagierter Autor unseres Adventskalenders, verfasst. Mit einem Blick fürs Detail bereichert er unsere Reihe um weitere faszinierende historische Einblicke.
100 Jahre „Goldstein-Affäre“ – Ein Philosoph gegen die Vorurteile seiner Zeit
Vor hundert Jahren, 1925, erschütterte die „Goldstein-Affäre“ die Technische Hochschule Darmstadt: Die Berufung des (Technik-)Philosophen Julius Goldstein auf eine außerordentliche Professur löste eine Welle antisemitischer Proteste aus – und zeigt bis heute, wie fragil akademische Liberalität sein kann.
Julius Goldstein, 1873 in Hamburg geboren, war kein gewöhnlicher Gelehrter. Der Schüler des Nobelpreisträgers Rudolf Eucken verband Philosophie, Kulturkritik und Technikdebatte zu einem modernen Denken, das seiner Zeit weit voraus war. Seine 1912 erschienene Schrift Die Technik kann als ein (etwas vergessener) Grundstein interdisziplinärer Technikphilosophie gelten. Nach dem Ersten Weltkrieg kehrte der Offizier als überzeugter Pazifist und Demokrat zurück und engagierte sich als Journalist, Publizist und Mitglied der liberalen jüdischen Gemeinde für Aufklärung und Verständigung.
Als die sozialdemokratisch geführte Landesregierung ihn 1925 – gegen den Widerstand der Hochschule – zum außerordentlichen Professor ernannte, brach offener Widerstand los. Nicht nur Studentenverbindungen, sondern auch Kollegen und der Rektor selbst opponierten, vordergründig gegen den Eingriff in die akademische Selbstverwaltung, tatsächlich aber getrieben von antisemitischen und antidemokratischen Ressentiments. Der Boykott seiner Vorlesungen markierte einen bitteren Höhepunkt. Doch das Erstaunliche: Schon bald kehrte Ruhe ein, und Goldstein blieb bei seinen Studierenden grundsätzlich wohl sehr beliebt.
Ausgerechnet jener Philosoph, der gegen Rassenwahn, Antisemitismus und Rechtsextremismus wissenschaftlich argumentierte und öffentlich auftrat, wurde selbst Opfer derselben Ideologien – und bewahrte dennoch seine Haltung. Als Mahnung erinnert die „Goldstein-Affäre“ daran, dass auch akademische Eliten prinzipiell nicht immun gegen populistische Verführungen sind.
Goldstein verstarb bereits 1929 an Krebs, mit nur 55 Jahren. Sein Denken, lange vergessen, erlebt heute eine späte Wiederentdeckung – als Stimme für Vernunft, Toleranz und Menschlichkeit.
Leseempfehlungen:
1. Die historisch-kritisch editierten Tagebücher Julius Goldsteins geben einen tieferen Einblick in das Leben und die Zeit Goldsteins, sein Wirken und Lehren an der THD sowie das (Darmstädter) deutsche Judentum des frühen 20. Jhs.: Zuber, Uwe (Hg.): Julius Goldstein. Der jüdische Philosoph in seinen Tagebüchern. 1873-1929 Hamburg-Jena-Darmstadt, Wiesbaden 2008 (Schriften der Kommission für die Geschichte der Juden in Hessen XXII). [erhältlich in der ULB]
2. Dipper, Christof: Ein vergessener Technikphilosoph. Julius Goldstein und die Darmstädter Modernediskurse um 1900, in: Technikgeschichte 84 (2017), S. 3-27.
Hinter Türchen Nr. 14 erwartet euch eine ganz besondere Challenge:
✨🎅EU-Xmas-Challenge: Wie gut kennst du Europas Festtraditionen? 🎅✨
Europa feiert Weihnachten – aber überall ein bisschen anders!
Hast du das Zeug zum Weihnachtsprofi oder tappst du bei internationalen Bräuchen noch im Dunkeln wie der Nikolaus ohne Laterne? 🤪
Finde es heraus und stelle dich dem EU-Weihnachtsquiz des Europanetzwerk Hessen! Das Quiz enthält 7 Fragen. 😊
Bitte hier entlang:
https://europanetzwerk.hessen.de/weihnachten-in-der-europaeischen-union-0
✨ Türchen Nr. 15 ist geöffnet! ✨
Geschenketipps (nicht nur) zu Weihnachten)
Das Forum des Rezensionsjournals für die Geschichtswissenschaften „sehepunkte“ liefert spannende Geschenktipps – und das nicht nur zu Weihnachten. Darunter finden sich auch fünf Literaturempfehlungen von Prof. Dr. Nicolai Hannig aus dem Fachgebiet Neuere Geschichte.
Schaut selbst, welche historischen Werke und Neuerscheinungen sich besonders gut als Geschenk für Geschichtsbegeisterte eignen.
Klickt auf den Link und entdeckt literarische Schätze, die vielleicht noch ihren Platz unter dem Weihnachtsbaum finden 🎄📚
https://www.sehepunkte.de/2025/12/forum/geschenktipps-nicht-nur-zu-weihnachten-292/
in: sehepunkte 25 (2025), Nr. 12 [15.12.2025]
Türchen Nr. 16
16. Dezember 1989 – Der Beginn des Endes des Ceaușescu-Regimes in Rumänien
Hinter dem heutigen Türchen unseres Adventskalenders verbirgt sich ein Beitrag von Dr. Volker Köhler aus dem Fachgebiet Neuere und Neueste Geschichte.
Heute vor 36 Jahren gilt der 16. Dezember 1989 allgemein als Beginn des Endes des kommunistischen Ceaușescu-Regimes in Rumänien.
Während wir in Deutschland vor allem den 9. November 1989 mit dem Ende des Eisernen Vorhangs verbinden, waren die Ereignisse in der DDR nur eine von vielen Umstürzen und Umwälzungen, welche Ost- und Zentraleuropa 1989/1990 erfassten – und nicht alle verliefen so friedlich wie die „Friedliche Revolution“. So hielt das in den 1980er Jahren zunehmend autoritär und brutal auftretende kommunistische Regime in Rumänien im November und Dezember an der Macht fest – während in den anderen Staaten des Warschauer Pakts der Wandel bereits begonnen hatte. Doch das sollte sich am 16. Dezember 1989 ändern. Ganz im Westen des Landes, in der Universitättstadt Timișoara begannen an jenem Tag Straßenproteste der dortigen ungarischen Minderheit. Sie richteten sich gegen die Versuche der Regierung den systemkritischen Pastor László Tőkés des Landes zu verweisen. Die Proteste schaukelten sich hoch und die Staatsmacht in Form von Militär und Geheimpolizei nutzte Gewalt und Tränengas. Doch war das Kartenhaus des kommunistischen Regimes nicht mehr aufrecht zu erhalten.Der Protest weitete sich auf weitere Städte des Landes aus. Am 22. Dezember verließ Ceaușescu die Haupstadt per Helikopter. Daraufhin folgten gewaltsame Auseinandersetzungen, deren Verlauf und Ursache nicht restlos geklärt ist. Sie endeten erst am Weihnachtstag, so dass es einzelne Geschichten aus Bukarest gibt, wie Menschen in Bukarest Weihnachtsbäume durch die Straßenkämpfe der Stadt nach Hause zu bringen versuchten. Insgesamt starben während dieser 9 Tage im Dezember über 1000 Menschen. Am Ende stand ein ungewisser Aufbrauch Rumäniens in eine postkommunistische Zukunft.
Bild: Wikimedia commons
By FOTO:FORTEPAN / Urbán Tamás, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=50007802
So kurz vor Weihnachten, wenn wieder einmal die große Frage nach dem perfekten Festtagsmenü im Raum steht …
Wie wäre es eigentlich ganz klassisch mit Würstchen?! 😄
Ein Gedanke, der uns direkt ins Mittelalter führt und zu einer herrlich skurrilen Geschichte:
Zur Fastnacht im Jahr 1481 wählte der Augsburger Patrizier Walther Marx nicht etwa Federn oder Wappenzeichen, sondern drei Bratwürste auf einem Spieß als Helmzier. Verkleidet trat er als echter „Würschtl-Ritter“ auf! 🌭⚔️
Ob er damit ein kulinarisches Statement setzen oder einfach nur Humor beweisen wollte? Eines ist sicher: Das Mittelalter konnte überraschend witzig sein.🤪
Bildquelle: Bayerische Staatsbibliothek / Digitale Sammlungen, Cgm 1930, fol. 8r.
Der folgende Beitrag wurde von Pascal J. Harter (Studierender am Institut für Geschichte) eingereicht. und gibt uns einen kleinen Einblick in die Geschichte der TU Darmstadt.
„Mens agitat molem“ – Der Geist, der die Materie bewegt und die historischen Wahlsprüche der TH/TU Darmstadt
Viele Hochschulen tragen Wahlsprüche, die ihr Selbstverständnis spiegeln. Auch die Technische Universität Darmstadt – einst Technische Hochschule – blickt auf eine solche Tradition zurück. Ihr Motto „Mens agitat molem“ („Der Geist bewegt die Materie“) entstammt Vergils Aeneis und drückt im universitären Kontext in seltener Prägnanz das aus, was Forschung und Technik verbindet: die schöpferische Kraft des Denkens.
Bereits 1904 prangte der Spruch am Physikhörsaal der TH Darmstadt, später zierte er die neue Rektorenkette von 1947 und Urkunden der Hochschule. Zusammen mit der Göttin Athene, Sinnbild für Weisheit, Kunst und Handwerk, wurde er zum visuellen Programm einer Institution, die Technik als geistige Leistung verstand. Der Geist durchdringt und bewegt die Materie: Was in der Antike ein mythologisch-kosmologisches Prinzip war, wurde im Maschinenzeitalter zum Leitsatz einer neuen akademischen Kultur, die den Ingenieur, als intellektuellen, gewissermaßen halbgottartigen Gestalter von Umwelt und Materie sah.
Als 1973 das heutige TU-Emblem entstand, verschwand das Motto aus Platzgründen vom Siegel. Ironischerweise ging damit der Leitspruch, der einst den Anspruch der Hochschule auf Gleichrang mit den alten Universitäten bekräftigte, fast in Vergessenheit. Heute erinnert im Alltag nur noch das kleine Prägesiegel der Universitätsleitung an diese Verbindung von Geist und Materie.
Parallel dazu trugen bis 1945 die Rektoren der TH Darmstadt den Spruch „Virtute res parvae crescunt“ („Durch Tatkraft werden kleine Dinge groß“). Beide Wahlsprüche ergänzen sich zu einem Credo, das aktueller kaum sein könnte: Wissen entfaltet erst dann Wirkung, wenn es mit Mut und Tatkraft in die Welt getragen wird.
Ausgerechnet Athene, die Göttin, die im Mythos gegen die Trojaner kämpfte, wurde zur Schutzpatronin einer Hochschule, die Vergils trojanischen Heldenepos (der Heros Aeneas flieht in diesem aus seiner untergehenden Heimat Troja und begründet schließlich die Stadt Rom) zitiert – vielleicht ein ironischer Wink der Geschichte, dass selbst Gegensätze in der Wissenschaft fruchtbar werden können.
Die Bilder zeigen die neue und die alte Rektorenketten der TH/TU Darmstadt.
Bildquelle: Quarg, Gunter: Medaillen und Plaketten der Technischen Universität Darmstadt. Die Sammlung Quarg im Universitätsarchiv der TU Darmstadt und weitere Medaillen und Gedächtniszeichen im historischen Kontext der TH/TU Darmstadt, Darmstadt 2022, S. 8, 47.)
Hinter Türchen Nr. 19 befindet sich ein Beitrag von Raphael Longoni (Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Fachgebiet Mittelalter.
Heilige Handgranaten für den Hochwasserschutz
Im Maßnahmenrepertoire zum Schutz vor Elementargefahren befanden sich in der Vormoderne auch Praktiken, die auf theologischen Auslegungen von Naturerscheinungen beruhten (Rohr 2013: 377–380). Eine Form der religiösen Hochwasserbereitschaft zeigt eine Anekdote aus dem Jahr 1694 in der Klosterchronik der Augustinereremiten von Freiburg (Schweiz). Diese Mönche glaubten seit dem 15. Jahrhundert an die Wunder durch den heiligen Nikolaus von Tolentino (1245–1305) und ließen ihn unterschiedliche Wunder vollbringen (Utz Tremp 2005: 172–178).
Am 21.–22. Sept. 1694 verursachte ein lokales Unwetter am Galternbach ein verheerendes Hochwasser (StAF Aug 1b: 172–173). Der Wasserstand hinter dem Wehr der Augustinermühle wurde kritisch. Da warf die Müllerin des Klosters Brötchen, die im Namen des heiligen Nikolaus gesegnet waren, in die Fluten und das Wehr barst. Die Vergrößerung der Abflusskapazität sorgte für eine sichere Hochwasserentlastung. Durch dieses Wunder blieben die unterhalb liegenden Gebäude unversehrt.
In der klösterlichen Erzählung hatte also der Ordensheilige der Augustiner durch eine geistesgegenwärtige Müllerin mit ihren gesegneten Sprenggeschossen die akute Hochwassergefahr abgewendet und seine Wirkmacht bewiesen.
Wenn Hochwasserschutz nur so einfach wäre!
✍Referenzen:
**Rohr, Christian: Macht der Sterne, Allmacht Gottes oder Laune der Natur? Astrologische Expertendiskurse über Krisen und Naturrisiken im späten Mittelalter und am Beginn der Neuzeit. In: Meyer, Carla; Patzel-Mattern, Katja; Schenk, Gerrit Jasper (Hg.): Krisengeschichte(n). „Krise“ als Leitbegriff und Erzählmuster in kulturwissenschaftlicher Perspektive (Vierteljahrschrift für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte. Beihefte 210). Stuttgart 2013: 361–385.
**StAF = Staatsarchiv Freiburg Aug 1b: Protocollum Conventus Friburgensis, 1660–1847, Typoskript durch Bernhardin Wild. Freiburg i. Ü. 1944.
**Utz Tremp, Kathrin: Heilung eines verhexten Mädchens und andere Wunder des hl. Nikolaus von Tolentin bei den Freiburger Augustinereremiten (17. Jahrhundert). In: Freiburger Geschichtsblätter 82 (2005): 169–183.
🖼Bildquelle: https://worms.fandom.com/wiki/Holy_Hand_Grenade, 03.12.2025.
🎄 Der Adventskalender neigt sich langsam dem Ende zu – heute freuen wir uns noch einmal über einen besonders interessanten Beitrag unseres Studierenden Pascal J. Harter.
⭐Erinnerung an Sir George William Buchanan.
Im Dienste Queen Victorias: Ein Diplomat in Darmstadt zwischen Politik und Familienintrigen ⭐
Heute vor 101 Jahren (1924) verstarb der britische Diplomat Sir George William Buchanan im Alter von 70 Jahren. Der Baronet konnte auf eine lange und aufregende Karriere in den Diensten des Foreign Office des britischen Empires zurückblicken. Den Großteil seiner jahrzehntelangen Botschafterdienste hatte er in Mittel- und Osteuropa geleistet. Seine Karriere war schließlich durch die 1910 erfolgte Berufung auf den Posten des britischen Botschafters am russischen Zarenhof in St. Petersburg gekrönt worden. Dort wurde Buchanan nicht nur unmittelbar Zeuge und Akteur in den diplomatischen und persönlichen Verstrickungen, Querelen sowie dem allgemeinen nationalen Kräftemessen, in welchem sich die beiden Riesenkolonialreiche (UK und Russland) im frühen 20. Jahrhundert wiederfanden, sondern erlebte dann auch den russischen Eintritt in den Ersten Weltkrieg, die bald einsetzenden verheerenden russischen Niederlagen und schließlich die russischen Revolutionen im Jahr 1917.
Die Erinnerungen an sein bewegtes Leben hielt der Diplomat 1923 in seinen Memoiren „My Mission to Russia and Other Diplomatic Memories“ fest. In diesen widmete er allerdings auch ein ganzes Kapitel seiner Zeit in Darmstadt und Karlsruhe. So hatte Buchanan zunächst auf niedereren Posten in den britischen Botschaften in Tokio, Wien, Bern und Rom Erfahrungen gesammelt, bis er dann 1892 zum Chargé d’affaires (Gesandtschaftsleiter) an den Reichsfürstenhöfen in Darmstadt (damals Hauptstadt des Großherzogtums Hessen und bei Rhein) und Karlsruhe (damals Hauptstadt des Großherzogtums Baden) ernannt wurde. Zwar handelte es sich bei Baden und Hessen um kleinere Fürstentümer, die Teil des deutschen Kaiserreiches waren, vor allem aber der hessische Hof in Darmstadt spielte dennoch auch für das Empire eine nicht unwichtige Rolle. So war die Großmutter des letzten hessischen Großherzogs Ernst Ludwig niemand Geringeres als Queen Victoria selbst. Diese hatte auch dessen 1894 geschlossene Ehe mit einer Ihrer Enkelinnen, Prinzessin Victoria Melitta von Sachsen-Coburg und Gotha (Edinburgh), eingefädelt. Zudem bestanden weitere verwandtschaftliche Beziehungen der britischen Königin zu der morganatischen Seitenlinie des Hauses Hessen, den Fürsten von Battenberg sowie dem mediatisierten Fürstenhaus von Erbach-Schönberg in Südhessen. Überdies hatte der Darmstädter Hof durch die Verheiratung der Schwester des Großherzogs mit dem russischen Zaren Nikolaus II. auch international weiter an Relevanz gewonnen.
Buchanan schildert den Darmstädter Posten wegen des modernen, liberalen Hoflebens und der bildungsbürgerlichen Kulturangebote in der Residenzstadt, der vielfältigen Reit- und Jagdmöglichkeiten im Odenwald und in Rheinhessen sowie der praktischen Nähe zu den kosmopolitischen Zentren Frankfurt und der internationalen Kurstadt (Bad) Homburg als durchaus angenehm. Allerdings brachten die engen Familienbande zwischen dem britischen und dem hessischen Herrscherhaus den Diplomaten zunehmend in Bedrängnis. So sah sich Buchanan schnell zu Schlichtungsversuchen zwischen den unpassenden großherzoglichen Eheleuten gezwungen, um die von Queen Victoria arrangierte Beziehung aufrechtzuerhalten. Diese Sonderstellung erwarb ihm allerdings unter anderem auch die besondere persönliche Gunst und (berufliche) Förderung der Queen.
Als er ihr 1898 schließlich über das wachsende Zerwürfnis in der Ehe ihrer hessischen Enkel berichten musste, soll Queen Victoria gesagt haben: „I got up that marriage. I will never try to marry anyone again.“
Ein höchst bemerkenswerter Satz für die Königin, die für ihre internationale Heiratspolitik berühmt war und ihre Kinder derart geschickt verheiratet hatte, dass es heute kaum mehr ein bedeutendes europäisches Fürstenhaus gibt, welches nicht mit ihr verwandt ist. Tatsächlich wurde die Ehe zwischen Großherzog Ernst Ludwig und Victoria Melitta kurz nach dem Tode Queen Victorias und Buchanans Weggang aus Darmstadt geschieden.
📚Quelle/Leseempfehlung:
Buchanan, Sir George William: My Mission to Russia and Other Diplomatic Memories. Volume I., Boston 1923 [= My Mission to Russian and Other Diplomatic Memories], S. 26-37.
Bildnachweise:
Bild 1: Hochzeitsbild des großherzoglichen Paares 1894
Bild 2: Sir George William Buchanan
Bild 3: Die hessische Großherzogsfamilie mit Queen Victoria 1879
Für heute haben wir zugegebenermaßen einen äußerst ungewöhnlichen Vorschlag für eine Sonntagssuppe ;-)
Für die Vollbürger Spartas – jener Polis auf der Peloponnes am Fluss Eurotas, die sich durch ihre kriegerische Leistungsfähigkeit einen Namen in der Geschichte machte – war es verpflichtend, in Mahlgemeinschaften zu speisen. In diesen Mahlgemeinschaften, Syssitien genannt, kamen etwa 15 Spartiaten in speziellen Häusern zusammen und verspeisten, was sie eigens für diese Mahlgemeinschaften entrichtet hatten: vornehmlich Getreide, aber auch Wein, Käse, Feigen und erjagte Beute. Bekannt waren die Spartiaten für den Verzehr ihrer Hauptmahlzeit: der „schwarzen Suppe“ (gr. mélās zōmós), eine im Wesentlichen aus Schweineblut und Essig bestehende derbe Suppe mit Schweinefleisch und Graupen.
In aller Munde war diese Suppe aber keinesfalls, denn außerhalb Spartas stieß sie auf wenig Zuspruch und galt als ungenießbar, was folgende Anekdote veranschaulicht: Es wird gesagt, dass Dionysius, der Despot von Sizilien, extra einen Sklaven kaufte, der ein spartanischer Koch gewesen war, und ihm befahl, die schwarze Suppe für ihn zuzubereiten, ohne dabei Kosten zu scheuen. Als der König sie aber probierte, spuckte er sie mit Abscheu aus, woraufhin der Koch sagte: „Eure Majestät, es ist notwendig, auf spartanische Weise trainiert und im Eurotas gebadet zu haben, um diese Suppe genießen zu können. (Plutarch Moralia 237A)
Was bleibt zu sagen: Nicht nur auf dem Schlachtfeld, auch kulinarisch waren die Spartiaten ernstzunehmende Gegner. 😜
K.I.-Bild erstellt mit Gemini.
Der heutige Beitrag wurde uns von Madline Fischer, Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Fachgebiet Neuere Geschichte, eingereicht.
Die Sturmflutwarnung zur Weihnachtszeit
Während in anderen Städten noch betriebsamer Weihnachtstrubel herrschte, verdunkelten sich vor genau 130 Jahren, am 22. Dezember 1894, die Wolken über Hamburg.
In der Nacht zum 23. setzte starker Nordwestwind ein und drückte die Wassermassen der Elbe unaufhaltsam in die Stadt. In der Gartenlaube hieß es später: „Mit rasender Schnelligkeit stieg das Wasser und begann die niedrig gelegenen Stadtteile unaufhaltsam zu überschwemmen.“[1] Bis zum Mittag stieg die Sturmflut an, füllte Wohnkeller und Lager, zerstörte Waren und riss alles Unbefestigte mit sich. In manchen Straßen war nur noch ein Fortkommen mit dem Boot möglich. (Bild 1)
Trotz der schweren Sachschäden kam damals kein Mensch ums Leben. War es ein kleines Weihnachtswunder – oder die rechtzeitige Warnung?
In Hamburg hatte der Senat bereits im 18. Jahrhundert ein Sturmflutwarnsystem eingeführt. Die Hafenwache überwachte die Flutmesser im Hamburger Hafen; stieg das Wasser über eine vorher festgelegte Warnschwelle von 12 Fuß, so wurde eine Alarmierungskette von Prätoren und Wachen in Gang gesetzt werden, die die Einwohner:innen in niedrig gelegenen Stadtteilen mit Alarmrufen warnten. [2]
Außerdem standen hoch oben auf dem Stintfang und an weiteren Standorten entlang der Ufermauern Sturmflutkanonen, die nach einem vorher festgelegten Rhythmus abgefeuert wurden, um die Höhe des Wassers allen übrigen Hamburger:innen akustisch zu übermitteln. Die Vignette im Bild 2 zeigt die Abfeuerung von Warnschüssen, die nicht nur die Städter:innen alarmieren, sondern auch die vor dem Hafen vorbeilaufenden oder einlaufenden Schiffen auf die Gefahr aufmerksam machen sollten.
✍Anmerkungen:
[1] o. A.: Die Überschwemmung in Hamburg, in: Die Gartenlaube 1895, H. 4, S. 68.
[2] Hamburger Senat: Mandat wegen hohem Wasser (28.10.1791), in: StA Hamburg, 111-1 Senat, Nr. 99435, Bl. 14.
🖼Bildnachweise:
[Bild 1] „Die Überschwemmung in Hamburg am 23. Dezember vorigen Jahres. Nach einer Originalzeichnung von Hugo Amberg.“, in: Die Gartenlaube (1895), H. 4, S. 68 (Lizenz: gemeinfrei).
[Bild 2] „Die Sturmflut bei Hamburg am 22. Dezember vorigen Jahres. Nach einer Originalzeichnung von Hugo Amberg.“, in: Die Gartenlaube (1895), H. 4, S. 53 (Lizenz: gemeinfrei).
Kurz vor Weihnachten steigt nicht nur die Vorfreude auf das Weihnachtsfest, sondern auch die Sehnsucht nach Herzenswärme und ein bisschen Zauber. Warum also nicht einmal in die Welt mittelalterlicher Magie eintauchen?
Deshalb haben wir heute für euch ein kleines Highlight:
❤️Ein Liebeszauber-Rezept ❤️
Das folgende Liebesrezept stammt aus einer ganz außergewöhnlichen Quelle: dem „Buch der Natur. Feuerwerksbuch. Rezeptsammlung“ (um 1480). Diese faszinierende Handschrift ist Teil der digitalen Sammlungen der Universitäts- und Landesbibliothek Darmstadt und enthält eine bunte Mischung aus Alltagswissen, Magie, Feuerwerks-Anleitungen und Rezepten aus dem späten 15. Jahrhundert. 🕯️Ein echtes Schatzkästchen für alle, die Geschichte, Kurioses und Mittelalterliches lieben.
📜 Aber hier nun die Transkription des Rezepts:
„Daß sich fraubbe unde man liep haben Daß sich ein Mann und ein Fraubbe lieb und eynander haben so nim valeriana und mach die zu polffer und gip in das zu drinckem oder zu essen“
(Dass sich Frau und Mann lieb haben. Dass sich ein Mann und eine Frau lieb und einander haben, so nimm' Baldrian und mach ihn zu Pulver und gib davon ins Trinken oder Essen.)
Wir lassen das jetzt mal unkommentiert. 🤪
Bildnachweis: TU Digit, Darmstadt, ULB, Hs-1999, Blatt 256, um 1480).
http://tudigit.ulb.tu-darmstadt.de/show/Hs-1999
Unser letzter Beitrag zu Heiligabend stammt aus der Feder von Georg Walter, studentische Hilfskraft am Fachgebiet Mittelalter, und könnte thematisch kaum besser passen. 🎄
Früher war mehr uffrur? Eine weihnachtliche Bauernkriegsgeschichte.
Was macht ihr so am Weihnachtsabend? Manche gehen in die Kirche, andere verbringen Zeit mit Familie oder Freunden. Die Bauern des kleinen oberschwäbischen Dörfchens Baltringen entschieden sich am Weihnachtsabend 1524 gänzlich anders: Sie gingen in die Wirtshäuser des Dorfes. Doch warum das? Die Heggbacher Chronik, verfasst von einer anonym gebliebenen Nonne des nahegelegenen Zisterzienserklosters Heggbach, versuchte sich im Nachhinein an einer Deutung der Ereignisse. Sie schreibt, 1524 hätten
„uf den hailigen cristag am abent vor (…) der hailigen nacht, (…) etlich pauren zue Baltringen im wirtshauß gesessen, (…) und hond uf die hl. Nacht geratschlaget, wie sie ire sachen wellent anfahen.“
Zu verhandeln, „wie sie ire sachen wellent anfahen“ meint in diesem Fall erst einmal nur die Diskussion empfundener Missstände. Keine Quelle gibt uns exakte Auskunft, worüber die Männer, sicherlich in aufgeheizter Stimmung, stritten. Doch scheint es realistisch, dass Beschwerden wie zu hohe Abgaben und der Druck der Leibeigenschaft zentrale Themen dargestellt haben. Die Beschwerdeschriften, die ab Januar 1525 aus Baltringen und umgebenden Dörfern die lokalen Herrschaften erreichten, hatten ihren Ursprung wohl in diesen Diskussionen.
Auch in anderen Teilen Süddeutschlands entstand ab Jahresende 1524 in Wirtshäusern, auf Dorfplätzen und anderen prominenten Orten eine wahrnehmbare bäuerliche Diskurskultur. Die Ereignisse in Baltringen stehen damit exemplarisch für eine Entwicklung, die zum größten Aufstandsereignis der Frühen Neuzeit führen sollte: dem Bauernkrieg. Die weihnachtlichen Beschwerden der Baltringer wurden damit zu einem Ursprung bäuerlicher Forderungskataloge, die sich bis hin zu den berühmten „Zwölf Artikeln der Bauernschaft in Schwaben“ weiterentwickeln sollten.
Bildunterschrift:
Bäuerliche Versammlungen – wie diese hier 1525 in Rappoltsweiler – wurden seit Ende 1524 immer häufiger.
Quelle:
o. A.: Heggbacher Chronik, in: Baumann, Franz Ludwig (Hg.): Quellen zur Geschichte des Bauernkriegs in Oberschwaben, Tübingen 1876, S. 278-279, hier: S. 279.
Literatur:
*Diemer, Kurt: Der Baltringer Haufen, in: Kuhn, Elmar L./Blickle, Peter (Hgg.): Der Bauernkrieg in Oberschwaben, Tübingen 2000, S. 67-97, hier: S. 71-73.
Bildnachweis:
Jacob Murer: Weißenauer Chronik, fol. 3r, in: Kuhn, Elmar L.: Der Seehaufen, in: Kuhn, Elmar L./Blickle, Peter (Hgg.): Der Bauernkrieg in Oberschwaben, Tübingen 2000, S. 97-141, hier: S. 99.