Das Institut trauert um Prof. Dr. Martin Vogt (30.5.1936-22.7.2019)

22.07.2019

Wer zwischen 1975 und 2001 in Darmstadt Geschichte studierte, saß mit großer Wahrscheinlichkeit irgendwann in einer Lehrveranstaltung von Martin Vogt, der in Darmstadt zunächst hauptamtlicher Dozent für Zeitgeschichte, später apl. Professor für Neuere und Neueste Geschichte war.

Wer zwischen 1975 und 2001 in Darmstadt Geschichte studierte, saß mit großer Wahrscheinlichkeit irgendwann in einer Lehrveranstaltung von Martin Vogt, der in Darmstadt zunächst hauptamtlicher Dozent für Zeitgeschichte, später apl. Professor für Neuere und Neueste Geschichte war. Die von ihm angebotenen Themenbereiche waren weitgespannt, sie reichten von der frühneuzeitlichen Kolonisation über Preußen und das Kaiserreich bis zur Zeitgeschichte. Bei letzterer lag sein Schwerpunkt auf dem Gebiet der Weimarer Republik und der zwei Weltkriege. In den beiden zuletzt genannten Themenbereichen genossen seine Publikationen internationale Beachtung; sein größter Erfolg in dieser Hinsicht war sicher die von ihm mit Kollegen initiierte Sektion zur Historischen Friedensforschung auf dem Internationalen Historikertag 2000 in Oslo. Unter den vielen Beiträgen zum Nationalsozialismus, den zu fürchten er als Kind Anlass hatte, ragt sein 1991 zusammen mit Christina Vanja herausgegebener Sammelband „Euthanasie in Hessen“ hervor, denn dieses Thema war damals noch so gut wie gar nicht bearbeitet.

Martin Vogt studierte Geschichte in Göttingen und promovierte 1962 beim seinerzeit hochberühmten Mittelalter- und Neuzeithistoriker Percy Ernst Schramm mit einer Arbeit über den deutschen Vormärz im Urteil der englischen Presse. Anschließend war er kurze Zeit Assistent in Kiel bei dem nicht minder prominenten Karl Dietrich Erdmann, ging aber schon bald ans Bundesarchiv in Koblenz, wo er unter Erdmanns Leitung die Akten etlicher Kabinette der Weimarer Republik (Hermann Müller, Gustav Stresemann) edierte. So wurde er einer der besten Kenner dieser Zeit. Aber Vogt wollte Hochschullehrer werden und so griff er zu, als der Darmstädter Ordinarius Karl Otmar von Aretin ihm die Dozentenstelle anbot. Auf ihr habilitierte er sich 1980, ging aber zwei Jahre später, als seine Stelle nicht verlängert wurde, als Leiter der Bibliothek des Instituts für Europäische Geschichte nach Mainz, wo er sich als Mentor der in- und ausländischen Stipendiaten große Verdienste erwarb, die ihm lebenslang gedankt wurden. Darmstadt blieb er erhalten, weil er, der leidenschaftliche Hochschullehrer, den Kontakt zur Universität, und das hieß bei ihm: zu jungen Menschen keinesfalls missen wollte. Sein Meisterstück in dieser Hinsicht war die von ihm organisierte Ringvorlesung „Entdeckungen und frühe Kolonisation“ von 1991/92, die schon 1993 als Buchausgabe erschien. Vogt lehrte auch im Ruhestand weiter; seine Leidenschaft als Lehrer erkaltete erst bei der Umstellung des Lehrbetriebs im Zuge der sog. Bologna-Reformen 2005. Noch 2004 überschrieb der Hochschulredakteur der FAZ seine Vorlesung als einen „langen ruhigen Fluss“. Treffender konnte man es nicht formulieren. Am 22. Juli 2019 verstarb Martin Vogt überraschend in seinem 84. Lebensjahr. Das Institut für Geschichte wird ihn in dankbarer Erinnerung behalten.