Straßenkämpfe

Straßenkämpfe

Straßen und Wege gelten gemeinhin als „Werkzeuge“, die dem Menschen dienen, als „Adern der modernen Verkehrswelt“ (Hans Hitzer). Auf ihnen bewegt man sich und transportiert. Doch sie stehen noch für weitaus mehr. Viele Menschen arbeiten, einige leben, andere flanieren oder marschieren auf ihnen. Vor allem in früheren Jahrhunderten übertrugen sich über sie Krankheiten. Menschen predigten und feierten Feste auf ihnen, überbrachten Nachrichten und begegneten sich, ob sie nun Fremde oder Bekannte, arm oder reich, groß oder klein, stark oder schwach waren, ein Dach über dem Kopf hatten oder keines. Auf der Straße vermischen sich Bevölkerungsgruppen wie an nur wenig anderen Orten. Und es gibt eine weitere Eigenschaft, die Straßen im Grunde schon seit jeher haben: Sie waren und sind Schauplatz von Gewalt. Blicken wir auf das gesamte 19. und 20. Jahrhundert, so begegnen uns ganz unterschiedliche Protagonisten, die aus diversen Gründen verschiedene Formen von Gewalt ausübten. Als erstes sind sicherlich politische Revolutionäre und deren Gegner zu nennen, die, wie etwa 1918 in München, die Straße in ein Kriegsgebiet verwandelten. Hier kämpfte man nicht nur auf der Straße, sondern auch um sie. Man versuchte, sie zu erobern, zu besetzen und zu verteidigen. Es ging darum, den Umsturz sichtbar zu machen und den eigenen Einflussbereich zu sichern. Für gewaltbereite Hooligans gilt die Straße als Ring, in den sie gemeinsam steigen, um sich zu prügeln, die eigenen Kräfte zu messen und das eigene Revier zu verteidigen. Fälle von Lynchjustiz handeln davon, dass Menschen das Gesetz in die eigene Hand nehmen und andere in der Öffentlichkeit gewaltsam zur Rechenschaft ziehen. Die Straße wird dabei zum Gerichtssaal und zur Strafanstalt in einem. Auch Ehrduelle fanden zumeist auf der Straße statt, genauso wie Gewaltverbrechen und Terroranschläge. Am Beispiel internationaler Großstädte nimmt das Forschungsprojekt die Straße systematisch als Gewaltraum in den Blick und betrachtet unterschiedliche Gewaltformen und -protagonisten im Zusammenhang. Begreift man die Straße als einen Ort der Gewalt, so lassen sich auf den ersten Blick ganz unterschiedliche Gewaltakte, Opfer und Täter untersuchen. Es braucht gar keine entlegenen, rechtsfreien Gebiete, so die Ausgangshypothese, damit sich ein bestimmter Ort in einen Gewaltraum verwandelt. Auf der Straße zeigt sich, dass Gewalt buchstäblich unter dem eigenen Fenster eskalieren und sich normalisieren, Ordnung und Unordnung stiften kann. Die Straße ermöglichte bestimmte Formen der Gewalt, sie ließ spezifische Situationen entstehen, die Gewalt förderten und schränkte durch ihre Beschaffenheit zugleich das gewalttätige Handeln ein. Häufig stand schon der Bau einer Straße im Zeichen der Gewaltprävention. Daher entwickelt das Projekt eine Phänomenologie und Typologie von Gewalt auf der Straße, die nicht unbedingt nach den Ursachen, sondern vielmehr nach dem Raum, der Situation und Form der Gewalt fragen. Vor allem interessiert dabei das Verhältnis von Anlasslosigkeit und -bezogenheit, von sinnlicher Erfahrung und Beobachtung, Öffentlichkeit und Privatheit, von Normalität und Ausnahme.